Montag, 25. Januar 2016

(18) Tod im Outback – Die Süd-Nord Durchquerung Australiens durch Burke und Wills

Das Outback ruft

Auf der Nullarbor-Route 
                                     
Wir haben es vermisst, dass wir diesmal keine Tour in´s Outback unternommen haben. Wir werden nie die endlosen Weiten auf dem Mathilda Highway in Queensland vergessen, die wir auf dem Weg in den Norden durchfahren haben, rechts und links trockenes Buschland, einige Bäume, Wasserlöcher, oder die 1200 km Fahrt durch den ausgedörrten Nullarbor-Plain Richtung Adelaide, auch nicht die Fahrten in das „Rote Herz Australiens“ um Alice Springs, die Urlandschaften in den Kimberleys mit ihren roten Felsen, die staubigen Pisten der Pilbara, die vielfarbigen Schluchten im Karigijini Nationalpark, die Fahrten im tiefen Sand von Fraser Island oder im Peron Nationalpark an der Westküste. Wir denken an die Abende im Outback, die Weinflasche auf dem Campingtisch, das Mückenzelt und einen funkelnden Sternenhimmel über uns. Wer das einmal erlebt hat, der wird sich immer nach der Weite, dem flirrenden Licht, dem roten Sand, den bizarren Felsformationen und auch den Strapazen zurücksehnen: „I still call Australia…“  Eigentlich wollten wir auf dieser Reise noch nach Coober Pedy in South Australia oder White Cliffs in New South Wales fahren – Opal-Minenorte, in denen die Menschen unterirdisch leben. (Anna-Lena hatte in ihrer Backpacker-Zeit in einem unterirdischen Hotel in White Cliffs gearbeitet.) Wir haben es diesmal nicht geschafft, anderes stand im Vordergrund, es fehlte die Zeit und wir hatten auch nicht mehr unsere  4 WD-„Ethel“ mit der wir durch dick und dünn kamen.


Denkmal im Royal Park zur Erinnerung an die Burke-/Wills-Expedition 
Von unserer Melbourner Unterkunft in Carlton wanderten wir aus dem innerstädtischen Bereich über den „General Cemetery“ (Haupt-Friedhof) und den Royal Park zum Zoo. Der 1845 von Gouverneur Charles La Trobe ausgewiesene Royal Park wurde in jüngerer Zeit zu einer typischen australischen Landschaft mit einheimischer Flora ausgestaltet. Tatsächlich erinnerte er uns mit seinem Grasland, den locker stehenden Akazien, Eukalyptusbäumen und blühenden schachtelhalmblättrigen Kasuarinen an unsere inneraustralischen Fahrten. Die Papageienvögel, die umher flogen, verstärkten diesen Eindruck. Vollends wurden wir an´s Outback erinnert, als wir auf eine hohe aus Bruchsteinen gefügte Säule stießen. Auf einer Tafel lasen wir, dass dies der Ort sei, „von wo die Burke-und Wills-Expedition am  20. August 1860 startete“.

Ein Start mit Hindernissen – Eine Expedition bricht auf


Am 20.August 1860 waren 15 000 Menschen in den Royal Park am Rande Melbournes gezogen. Sie wollten den Aufbruch der „Viktorianischen Erkundungsmission“ miterleben.
Bis zum Golf von Carpentaria im äußersten Norden sollte es gehen, die erste Nord-Süd-Durchquerung des Kontinents, dessen Inneres noch weitgehend unerforscht war. 3 250 km waren zu bewältigen. Auch die Honoratioren Melbournes waren gekommen, Vertreter der Regierung, der Bürgermeister und die Mitglieder des Vorbereitungs-Komitees („Exploration Committee“/ „Erforschungskomitee“), das aus bekannten Persönlichkeiten der Öffentlichkeit und namhaften Wissenschaftlern bestand. Hochrufe brandeten auf, als die Karawane einzog, 26 Kamele, sie waren aus Indien herbeigeschafft worden, 23 Pferde, 5 mit 20 Tonnen voll beladene Planwagen. An der Spitze ritt auf weißem Schimmel Robert O´Hara Burke, der vom Komitee ernannte Leiter der Expedition. Hinter ihm die 18 Mitglieder des Unternehmens,  5 „Offiziere“- im feschen „Forscherlook“, die anderen: „Assistenten“, bärtige Abenteurer mit Hüten auf dem Kopf,  4 Kamelführer aus Indien und Pakistan in ihren weißen Burnussen und Kopftüchern. Eine bunte Mannschaft! Alles drängte sich um den Aufzug, um einen Blick aus der Nähe auf die exotischen Tiere, die wagemutigen Männer zuwerfen. Die Karawane konnte sich kaum den Weg durch die Massen bahnen. Ein Kamel brach aus und preschte durch die Menge, ein Pferd geriet in Panik und trat eine Dame nieder, die mit gebrochenem Bein  davon getragen werden musste. Burke ritt auf und ab. Er entdeckte, dass einer der Assistenten sich „allzu lustig“ aufführte – Folge übermäßigen Biergenusses, vielleicht bereits am Vorabend, wo schon ein Mann wegen „Trunkenheit“ und einer, der ihn verteidigte, wegen „Inkompetenz“ vom Leiter entlassen worden waren. Burke feuerte den Angeheiterten auf der Stelle und heuerte drei neue Helfer an. Die Wagen drohten unter ihrer Last zusammenzubrechen. Drei weitere Wagen mit Fahrern wurden angefordert, und es musste umgeladen werden.

Endlich hatte sich die Szene beruhigt. Der Bürgermeister trat auf ein Podest und hielt die Abschiedsrede. Er endete mit dem Worten: “God speed and bless you“ (Gott beschleunige und segne Sie). Dreimal ertönten Hochrufe: Cheers, Cheers, Cheers… Burke hob in seiner Antwortrede hervor, dass nie eine Expedition unter so günstigen Bedingungen aufgebrochen sei… In der Tat waren gewaltige Kosten aufgeboten worden, von allen Seiten wurde das Unternehmen unterstützt, von Privatleuten, dem Magistrat, der Regierung…Selbstverständlich war für alle ein angemessenes „Honorar“ ausgesetzt worden. Umsonst zog niemand mit! Die Expedition war minutiös geplant und ausgerüstet worden. Die Vorräte sollten für zwei Jahre reichen. Das Leitungsteam erhielt detaillierte Anweisungen für Route und Aufgaben. Am Vorabend der Abreise hatten alle ein „Memorandum der Zustimmung“ unterschrieben, in dem Burke die oberste Autorität und Entscheidungsbefugnis zugesprochen wurde. (Die Dokumente zur Expedition sind Online einsehbar: Burke and Wills & Web Digital research archive.)

Unter den Klängen einer Kapelle, die „Cheer, boys, cheer“ intonierte, zog die Karawane um 16.00 Uhr (statt – wie geplant – um 13.00 Uhr) Richtung Essendon ab. Einer der Wagen brach gleich zusammen, zwei andere nach 3 Meilen…Keine guten Vorzeichen für das Unternehmen, das tragisch endete.

Die Vorgeschichte

Wie war es zu diesem Untenehmen gekommen? Von 1850 bis 1860 war Melbourne zur zweitgrößten und  reichsten Stadt des britischen Empire geworden, vor allem durch die Goldfunde in der Region. Sidney war überflügelt worden. Victoria hatte die Selbständigkeit als Kolonie erreicht. Der wirtschaftlichen Expansion war der Bauboom und Ausweitung der Besiedlung gefolgt. Nun wollte man das noch Unbekannte des Kontinents erforschen, auf dem man sich festgesetzt hatte. Melbourne wollte den übrigen Kolonien, die schon Expeditionen ausgesandt hatten, nicht nachstehen, sie sogar übertrumpfen.

Die Besiedlung Australiens beschränkte sich damals im Wesentlichen noch auf die Küstengebiete. Nur verstreute Vorposten waren weiter im Inneren errichtet worden, durch Viehzüchter und Goldgräber. Einzelne hatten es gewagt,  tiefer vorzudringen, so der Deutsche Ludwig Leichhardt, der mit seiner Expedition 1848 im Outback Queenslands auf dem Weg nach Westen verschollen ging. Das Innere des Kontinents war für die europäischen Einwanderer weitgehend „Terra incognita“, unbekannt, unbesiedelt, leer, gefährlich. Dabei zogen sie nicht weiter in Betracht, dass dort überall Eingeborene lebten, die ihre Wege, Markierung, heilige Orte und Lagerstätten hatten, die wussten, wie man sich im Outback verhält und dort überlebt. Für sie waren die Natur, die Wüstenzonen und Regenwälder, die sie durchzogen,  von den „Ahnen“ geformte Landschaft, Heimat, die ihnen alles gab, was sie brauchten. Doch für die Weißen gehörten Schwarze zum „Inventar“ der unwirtlichen Natur, man begegnete ihnen meist mit Misstrauen, Abwehr und Feindschaft, statt ihre Erfahrung zu nutzen, von ihnen zu lernen und ihre Regeln zu respektieren.
 
Gebäude der Royal  Society in Melbourne 
Die Idee einer Durchquerung des Kontinents wurde in Melbourne vor allem von wissenschaftlichen Kreisen betrieben, die sich in der „Royal Society of Victoria“ (Königliche Gesellschaft von Victoria) zusammenschlossen. Sie bezog ihren repräsentativen Sitz in der La Trobe Street. (Sitz und Gesellschaft existieren noch heute). Man bildete das „Exploration Committee“. Eine wichtige Rolle darin spielte der deutsche Botaniker der viktorianischen Regierung, Dr. Ferdinand von Mueller, Leiter des Königlichen Botanischen Gartens in Melbourne. Er und der Prof. Georg Neumeyer,  auch Deutscher und Regierungs-Astronom, waren die einzigen Mitglieder des Komitees, die an Forschungsreisen in Australien teilgenommen hatten. Von Mueller, ausgezeichneter Geograf, wusste sehr gut Bescheid über die Bedingungen einer solchen Forschungsreise, was ihm großen Einfluss in den Entscheidungen gab.

Ferdinand von Mueller
Das Leitungskorps

Für die ehrenvolle Leitung der Expedition hatten sich 14  Männer beworben.
Am Schluss kam es zur Entscheidung zwischen Robert 0´Hara Burke und Gustav von Tempsky. Tempsky, Offizier, Abenteurer, Maler, verweist in seinem Bewerbungsschreiben auf „13 Jahre Reisen aller Art, zu Fuß, auf  Pferderücken, mit Wagen, in Kanus , zur See und auf Flüssen…“ Er führt zu seinen Gunsten Reise-Erfahrungen in Mexiko an, anderthalb Jahre Leben im australischen Bush sowie seine Kommando- und Kampferfahrungen in verschiedenen Teilen der Welt.

Robert O´Hara Burke
Burke bewirbt sich über den Abgeordneten Mc Adam aus Castlemaine, der ihm Bewährung als österreichischer Offizier, als irischer Polizist und als Chef der Castlemainer Polizei attestiert. Darüber hinaus werden ihm Ehrenhaftigkeit, Sprachenkenntnisse, gutes Benehmen, starker Wille und Ehrgeiz bescheinigt.

Obwohl Burke keine Expeditions- und Outback-Erfahrungen aufweisen kann, im Umgang mit Tieren nicht bewandert ist, keine speziellen Landes- und Navigationskenntnisse besitzt, offensichtlich auch kein geographisches und wissenschaftliches Interesse hat, als aufbrausend und autoritär gilt, fällt die Entscheidung eindeutig für ihn aus. Von Mueller tritt für den selbstbewusst Auftretenden ein, für den auch spricht, dass er ein loyaler, die Ordnung liebender Victorianer und Brite (irischer Herkunft) ist. Das Eintreten von Muellers verwundert, zumal ihn sein Freund, der  Landes erfahrene Naturforscher Ludwig Becker, in einem Brief  vom März 1860 eindringlich auf notwendige Kenntnisse des Leiters hingewiesen hatte, die Burke abgingen.

Der zweite Leiter hinter Burke war George James Landells, der die Kamel aus Indien gebracht hatte. Seine besondere Aufgabe war die Betreuung der Kamele. Der dritte „Offizier“ war William  John Wills, ein Landvermesser und Mitarbeiter Neumayers an dessen Melbourner Observatorium.

George James Landells ( Zeichnung: William Strutt, Parliamentary Library Melbourne)
William J. Wills 
Die Rolle der Deutschen

Ludwig Becker
Hermann Beckler

Ebenfalls im „Offizierscorps“ waren die wissenschaftlichen Begleiter Dr. Ludwig Becker (1810-1860)  und Dr. Hermann Beckler (1828-1914). Becker besaß eine breite Palette an naturwissenschaftlichen Interessen und Kenntnissen und konnte gut malen. Beckler war Arzt, zudem Botaniker, als solcher Mitarbeiter von Muellers. Die aussendende Kommission legte als Aufgaben der Expedition nicht nur fest, einen möglichen Weg zum Golf von Carpentaria zu finden, sondern auch die Reise wissenschaftlich zu dokumentieren: geographisch, geologisch, astronomisch, meteorologisch, Fauna und Flora…Was verwunderlich ist, dass in den genauen Anweisungen an die beiden Naturkundler keine ethnografische Forschung aufgeführt ist. Dabei waren  Prof. Neumayer und auch Becker und Beckler durchaus an den Aborigines interessiert. Neumayer, der die Expedition am Anfang zeitweise begleitete, schreibt in seinem Tagebuch über die Begegnung mit einigen „Blacks“, die „beträchtliche Intelligenz“ zeigten, als sie ihm ihre Lebensweise und Sprache erklärten. Becker beobachtet und zeichnet Aboriginals, er dokumentiert Lieder in Text und Noten. Die von den Deutschen unter schwierigen Bedingungen und von Burke behinderten Aufzeichnungen und gemalten Skizzen sind meines Erachtens die wichtigsten Erträge der Expedition! Die deutschen Wissenschaftler erwiesen sich als würdige Schüler ihres Lehrers, des Forschers und Weltreisenden Alexander von Humboldt.


Aus den Aufzeichnungen Beckers: oben, Parasit, gefunden auf einem Gecko,
unten: Ratte  (State Library, Melbourne)
Für mich war überraschend, welche Rolle Deutsche bei der Vorbereitung und Durchführung des Vorhabens gespielt haben. Auch einer der Assistenten, Wilhelm (William) Brahe war Deutscher, er war als „Digger“ nach Australien gekommen und bewirbt sich als Arbeiter. Er verweist auf seine Erfahrungen als „Bushman“, Wagenlenker, Viehtreiber und Pferdekenner im Dienste von Viehzüchtern. Er genießt die Fürsprache von Muellers.
Wilhelm "William" Brahe 
So verwundert es nicht, dass die Expeditionsmitglieder nicht nur in der Halle der Königlichen Gesellschaft verabschiedet wurden, sondern auch im Verein der Deutschen. Hier wird ein Toast auf „die Einigkeit des Handelns von Deutschen und Engländern“ ausgebracht und Burke stattet seinen Dank auf Deutsch ab.

Die „Assistenten“

Dies waren diejenigen, die sich um die Wagen, die Pferde, den Transport, das Material, die Reparaturen, die Vorräte, die Versorgung der Teilnehmer, den Aufbau der Lager kümmern sollten, kurz die „working class“. Es ist nicht immer klar, welche Aufgaben die Einzelnen hatten, da sie – bis auf den „Vormann“ - allgemein verpflichtet wurden, vor allem auf den Gehorsam gegenüber den Weisungen Burkes und seiner Vertreter. Die meisten waren als Seeleute oder als Goldgräber nach Australien gekommen. Burke hatte eine Liste derer vorgelegt, die er aufzunehmen wünschte. Auffällig ist, dass einige – wie Burke - Iren waren. Der unterwegs entlassene Vormann Charles Ferguson beklagt im Rückblick, dass es ein zusammen gewürfelter Haufe war, aus verschiedenen Ländern, meist ohne „Bush-Erfahrung“, und durch Beziehungen in die Mannschaft gekommen. Ferguson, der die Anfertigung der Ausrüstung im Melbourner Gefängnis beaufsichtigte, meint, es wäre besser gewesen, Gefangene auszuwählen. Ein Teil der Schwierigkeiten, die Burke (und auch Ferguson) mit den „Assistenten“ von Anfang an und auf der Reise hatte, erklärt sich aus diesen Umständen.


Der Verlauf der Reise – erste Stationen

Route der Expedition ( wiki - Autor: Rocketfrog)
Der Anfang der Reise – noch durch bekanntes und besiedeltes Gebiet - verlief langsam und mit Hindernissen. Wagen und Kamele kamen im Regen und aufgeweichtem Boden nur schwer voran. Drei Wagen wurden zurück gelassen und sollten später nachkommen. Ein Kamelführer, der Hindu war, wollte kein Fleisch essen und musste nach Melbourne zurückkehren. Burke war mit Leuten unzufrieden, feuerte einige und stellte neue ein. Konflikte mit Landells kündigten sich an, der die Kamele nicht  schon jetzt groß belasten wollte, um sie für später zu schonen.

Nach Überquerung des Murray River erreichte die Expedition Swan Hill. Das Nachkommen der zurückgelassenen Wagen kostete Zeit und verursachte zusätzliche Aufwendungen. Um Kosten einzusparen, wollte Burke einige Leute entlassen, worüber er mit dem Vorarbeiter Ferguson in Streit geriet, der ihn sogar zum Duell aufgefordert haben soll. Dies endete mit der Entlassung Fergusons und zwei seiner Kollegen.

Becker, Die Überquerung der Terrick-Terick-Ebene 1860 (State Library Melbourne) 

Auf dem Weg zum Darling River machte der Sand und das Buschland das Vorwärtskommen der Zugpferde und ihrer Führer zur Quälerei. Burke ordnete an, dass fortan jeder Teilnehmer zu Fuß gehen müsse, da die Pferde und Kamele zum Lastentransport benötigt würden. Um die Fracht zu erleichtern, durfte jeder der Teilnehmer nur noch 13 kg  persönliches Gepäck mit sich führen. Außerdem wurden die „Officers“ verpflichtet, wie die übrigen Hand anzulegen.  Das galt auch für die wissenschaftlichen Teilnehmer:
„Nun, Gentlemen, von dieser Zeit an müssen Sie Ihre wissenschaftlichen Forschungen aufgeben und wie der Rest der Männer arbeiten…gleichzeitig müssen Sie Ihr Material und die Dinge, die Sie zur Forschung benötigen, limitieren.“
Burke wollte den 52jährigen Becker zum Aufgeben zwingen. Fortan mussten Becker und Beckler ihre Aufzeichnungen spät abends machen, wenn ein Camp aufgeschlagen wurde. Die Entscheidung Burkes war ein klarer Bruch der Intentionen, die die Royal Society mit der Expedition beabsichtigte.

Die Auseinandersetzungen mit Landells setzten sich fort: Landells bestritt die Autorität Burkes in Hinsicht auf die Handhabung der Kamele (wobei er sich auf seine Anstellungsanweisungen berufen konnte). Zunächst ging es hierbei um die Rumfässer, auf die Landells nicht verzichten wollte, weil er sie den Kamelen verabreichte, um sie zu erwärmen. Zudem hatten sich Expeditionsarbeiter und die Scherer einer Schafstation über das Getränk hergemacht. Der Streit eskalierte bei der Frage, wie die Kamele über den Darling River hinüberkommen sollten. Landells wollte sie mit einem Schiff übersetzen. Burke hingegen gab an Wills die Anweisung, sie hinüber schwimmen zu lassen. Darauf hin reichte Landells die Entlassung ein und Beckler folgte ihm nach mit der Begründung, dass er mit der Behandlung Landells nicht einverstanden sei. Beckler blieb aber, bis Ersatz für ihn kommen sollte, im Lager nahe der nächsten Station, der Outback-Hütten-Ansammlung Menindee, mit ihm Becker. Becker führte seine wissenschaftlichen Tätigkeiten bis zu seinem Tode fort.

Rast in Menindee


Menindee Maidens Hotel 
Menindee, New South Wales, am Darling River gelegen und umgeben von Seen, ca.100 km südöstlich vom heutigen Broken Hill, war der letzte Vorposten der Zivilisation. Heute kann man von Sidney  aus bequem mit Zügen, dem „Outback Xplorer“ oder dem „Indian Pacific“, dorthin reisen, letzterer fährt auch von Adelaide in die Gegenrichtung. Der Ort zieht mit seinen Seen Touristen an, zehrt aber auch von dem Ruhm, dass hier in Thomas Paine´s Hotel Burke und Wills Aufenthalt nahmen. Das „Hotel“ bzw. den Pub gibt es immer noch, nach einem Brand wurde es wieder aufgebaut, hat aber seine alte Front bewahrt.

Burke hatte bis Menindee, wo er Mitte Oktober ankam, zwei Monate gebraucht, die Postkutsche brauchte 14 Tage. Das Resümee war auch sonst nicht erfreulich: viele Tiere waren zusammengebrochen, von seinem Leitungkorps waren noch zwei geblieben, von der ursprünglichen Mannschaft sechs – er hatte acht neue Leute engagiert, unter ihnen den Seemann und Goldgräber Charlie Gray - die Kosten waren hoch geschnellt und die Schecks aus Melbourne platzten. Zudem stand die Sommerhitze bevor.

Burke fühlte sich im Zeitdruck. Er fürchtete, dass sein Konkurrent, der Südaustralier John Mc Douall Stuart, von Adelaide aus bald zur Süd-Nord-Durchquerung aufbrechen würde und ihm den Ruhm des Ersten streitig machen könnte. (Stuart brach im 29. November 1860 auf.) So entschloss er sich, die Gruppe zu teilen. Er suchte sich die fittesten Männer und Tiere aus, nahm nur einen Teil der Vorräte mit und brach nach Norden, Richtung Cooper Creek, auf. Die Verbleibenden sollten auf seine Benachrichtigung hin nachkommen. Wills war inzwischen an die zweite Stelle der Kommandostruktur gerückt. Burke engagierte den Manager einer örtlichen Viehstation als angeblich ortskundigen Führer, William Wright, der sich später als inkompetent und unzuverlässig erwies. Für die Kamele war nun der junge John King zuständig, den Landells aus Indien mitgebracht hatte, wo er Soldat gewesen war.

John King 
Er hatte wenig Erfahrung mit Kamelen, verstand aber die Kamelführer. Die Teilung der Mannschaft und des Materials war ein Bruch der Auflagen, die Burke erhalten hatte. Er sollte nämlich die gesamte Expedition nach dem Cooper Creek führen und erst dort, nicht ganz auf der Hälfte des Weges zum Carpentaria-Golf, ein Basis-Camp einrichten. Eine spätere Untersuchungs-Kommission wird das kritisieren. Das Cooper-Fluß-System, eine Art Oaselandschaft in der Steinwüste, war die Grenze des bisher erforschten Gebietes; Charles Sturt und Stuart waren 1844 auf ihrer Expedition ins Innere Australiens dahin gekommen. Da Burke Schriftliches vermied, keine Aufzeichnungen machte und nur knappe Notizen nach Melbourne schickte, ist die Kenntnis des genauen weiteren Verlaufs vor allem den „Feldbüchern“ des gebildeten Wills zu verdanken.

Lager am Cooper Creek und Weiterreise

Beim nächsten Lager macht Burke Wright zum dritten Kommandanten und schickt ihn zurück in das Lager nach Menindee, um die Zurückgebliebenen zu holen. Mit Wright verlassen zwei Eingeborenenführer die Gruppe, und Burke macht sich auf den Weg, ohne die genaue Route zum Cooper Creek zu kennen. Er versäumt auch den Auftrag, Zeichen entlang seines Weges zu setzen, Samen zu vergraben, Steinmale zu errichten. Nach mehr als drei Monaten Reise seit Melbourne erreichen die verbliebenen acht Männer den Cooper Creek und bauen dort das Camp 65 und ein Depot auf. Das Camp liegt ungefähr 70 km nordöstlich von der heutigen Siedlung Innamincka. Sie warten vergeblich auf die Ankunft Wrights mit den Übrigen.

Camp am Dig Tree, Cooper Creek  (Quelle: wiki, Autor: Peterdownunder) 

Am 16. Dezember 1860 nimmt Burke mit Wills, King und Gray Abschied von den anderen vier. Sie wollen alleine zum Golf vordringen. Burke überträgt Wilhelm Brahe, der sich immer konstruktiv erwiesen hatte, das Kommando über die Verbleibenden. Er gibt ihm (mündlich) den Auftrag, drei Monate auf ihre Rückkehr zu warten. Wenn sie in dieser Zeit nicht zurück seien, wären sie entweder tot oder hätten einen anderen Rückweg genommen. Beim Weggang  bittet Wills noch Brahe, vier Monate zu bleiben. Dann machen sie sich auf den Weg, ca. 2500 km liegen vor ihnen. Sie gehen zu Fuß, die Tiere, 6 Kamele und Burkes Pferd „Billy“ tragen die Lasten, sie haben für drei Monate Proviant mitgenommen.

Outback im Inneren Australiens 
Die Reise durch die steinigen Wüsten geht zunächst gut voran. Weihnachten feiern sie an einem Wasserloch am Diamantina River. Ehe sie in die Gegend der heutigen Stadt Cloncurry  kommen, müssen sie Gebirgszüge überqueren, was die Kamele sehr erschöpft. Burke benennt Ort und Fluss nach seinem Freund, den Baron von Cloncurry. oder nach seiner Cousine, Lady Elizabeth Cloncurry.

Cloncurry ist durch Kupfer-, Gold-,  Silber- und Uranfunde in der Umgebung bekannt geworden. Außerdem startete hier der erste Flug des „Royal Flying Doctor Services“, woraus die Fluggesellschaft „Quantas“ entstand. Bei unserer Durchreise seinerzeit haben wir natürlich nicht versäumt, das Flying Doctor Museum zu besuchen. Cloncurry gilt übrigens als die heißeste Stadt Australiens.

Cloncurry, Begrüßungstafel: "Ein warmes Willkommen" (Bild: wiki, R./S.Levy) 
Von ihrem Camp dort hat Burke und seine Männer noch mehr als 1 200 km vor sich.  Der Weg, den sie ziehen, dürfte parallel einer heutigen Straße, die „Burke Development Road“ heißt, gewesen sein, aber wohl weiter östlich, den Cloncurry River entlang. (Genau weiß man das nicht, Wills hatte nach Cooper Creek keine Karten mehr gezeichnet und seine Aufzeichnungen über diese Strecke sind lückenhaft erhalten.) Sie kommen jetzt in den palmenreichen tropischen Norden und die Regenzeit beginnt.

Wir haben es in dieser Gegend selbst erlebt, was „the Wet“ bedeutet: ständige und heftige Gewitter, Wolkenbrüche, Überschwemmungen, aufgeweichter Boden, gesperrte Strassen, überschwemmte Brücken, Mücken… Die Burke Development Road – teilweise unbefestigt – war bei unserer Reise gesperrt.

Mühsame Fahrt in der Regenzeit im Norden Australiens 
Die Kamele versanken im Schlamm und das Vorwärtskommen war mühsam. Das Kamel Golah musste zurückgelassen werden (wurde auf dem Rückweg wieder angetroffen, weigerte sich aber weiter mit zu gehen.).

Ankunft am Golf von Carpentaria und Rückreise

Schon in der Nähe des Golfes, am Delta des Flinders River, entschließt sich Burke, nur mit Wills und dem Pferd „Billy“, das Proviant für drei Tage trägt, weiter zu ziehen. Die anderen und die Kamele bleiben im Camp 119 zurück. Nach ca. 15 km riechen Burke und Will das Meer und beobachten an den Wasserständen die Tide. Aber sie gelangen nicht an das Meeresufer. Sumpf und dichte Mangroven hindern sie daran. Vielleicht 20 km vor dem offenen Meer, müssen sie umkehren. Die Enttäuschung ist groß, aber sie konstatieren, dass sie ihr Ziel erreicht haben, zwei Monate nach dem Aufbruch vom Cooper Creek (Mitte Februar 1861). 

Auf dem Rückweg zum Camp finden sie einen Eingeborenenpfad, der ihr Vorwärtskommen erleichtert. Sie entdecken ein verlassenes Camp der „Blacks“, bedienen sich an den zurückgelassenen Yams-Wurzeln und stoßen schließlich auf  Eingeborene. Die Überraschung der Angetroffenen „amüsiert“ sie. Sie ziehen ihre Pistolen, aber die Natives reagieren nicht feindlich und einige weisen ihnen sogar den Weg, ehe sie verschwinden.

Der Rückweg zum Cooper Creek gestaltet sich durch die Regenfälle mühsam. Auch die Wüstenzonen sind in der Regenzeit nicht trocken und heute selbst mit Outback tauglichen 4 WD – Fahrzeugen nicht passierbar. Im Sommer trockene Bachläufe füllen sich mit Wasser und treten über die Ufer. Die Nahrungsvorräte der Gruppe schwinden und müssen eingeteilt werden. Sie fangen an, sich aus der Natur zu ernähren. Sie essen Portulac-Pflanzen und verspeisen einen großen Python, was Burke nicht gut bekommt. Gray, der für die Küche zuständig ist, wird  ertappt, wie er heimlich Mehl für sich nimmt. Burke schlägt ihn, was Empörung bei King auslöst. Gray, der älteste der Gruppe, fühlt sich seit längerem krank, redet nicht mehr deutlich und ist sehr geschwächt – Wills hält ihn für einen Simulanten.

Drei der erschöpften Kamele müssen getötet werden und schließlich auch Billy, das Lieblingspferd Burkes. Das Fleisch des ausgezehrten Billy schmeckt den hungrigen Männern. Die Geräte und Ausrüstungsgegenstände werden vergraben, um die Lasten zu verringern.

Morgens am 16. April finden sie Gray tot in seiner Schlafdecke. Charlie Gray, der erste der am Ende sieben Toten der Expedition, wird an unbekannter Stelle begraben.

Zurück am Cooper Creek

Am späten Sonntag-Nachmittag des 21. April kommen sie erschöpft, abgerissen, aber in freudiger Erwartung im Depot am Cooper Creek an. Sie sehen die mit Palisaden umgebenen Zelte  – Brahe hat den Zaun gegen befürchtete Übergriffe des einheimischen Stammes errichten lassen. Ein Feuer glimmt noch. Die  Enttäuschung der Männer ist groß, als sie niemanden im Lager antreffen. Erst denken sie, dass das Lager an einen günstigeren Ort verlegt worden sei, aber dann entdecken sie an einem Coolabah-Baum (Eukalyptusart) eingeritzte Zeichen. Sie lesen:
                                                            DIG (Grabe!)
Sie tun das und finden eine Kamelkiste mit Nahrungsmittel und einen Zettel. Burke liest die kurze Notiz: Brahe hat am selben Tag das Lager Richtung zum Darling verlassen. Drei der Männer seien wohlauf, einer nicht gehfähig. Die Tiere in guter Kondition. Niemand ist vom Darling gekommen.

John Langstaff  (1907), Die Ankunft von Burke, Wills und King 1861 am Dig Tree (National Gallery of Victoria, Melbourne) 
Burke fragt die anderen, ob sie in der Lage seien, Brahe noch am Abend zu folgen. Doch die niedergeschlagenen Männer fühlen sich dazu nicht fähig. Sie glauben auch nicht, den offenbar leistungsfähigen Zug Brahes in ihrem Zustand einholen zu können. Zur selben Zeit schlägt Brahe sein Lager nur 14 Meilen von ihnen entfernt auf.

Der „Fall“ Brahe

Was war geschehen? Brahe hatte mit den Männern im Camp vier Monate und fünf Tage ausgeharrt – länger als ihm aufgetragen war. Die Vorräte wurden knapp und  die Futtersuche der Tiere immer schwieriger. Nichts ist vor Beutelratten sicher, die sich in großer Menge einfinden. (Becker hat eine solche Ratte gezeichnet.) Eingeborene schlagen ihre Lagerstätten in der Nähe auf. Als sie die Notlage der Weißen sehen, bieten sie ihnen Fische und Netze an. Brahe lehnt das misstrauisch ab, man revanchiert sich aber immerhin mit kleinen Geschenken. Die Eingeborenen warnen die Männer vor der Überflutung des Lagers in der bevorstehenden Regenzeit. Schließlich werden umher liegende Sättel gestohlen und zerlegt. Als die „Blacks“ unfreundlicher werden, wehrt man vermutete Angriffsabsichten mit Schüssen in die Luft ab.

Ich möchte hier einfügen, dass man nur selten in den Darstellungen der Expedition auch die Perspektive der Aborigines einnimmt. Es ist eigentlich erstaunlich, dass sie die Expedition im Wesentlichen unbehelligt ließen. Für sie mussten die weißen Männer Eindringlinge sein, die uneingeladen und ungebeten durch ihre Gebiete trampelten. Ihre Regeln verlangen, dass man nicht ohne zeremonielle Bitte und Erlaubnis ein Stammesgebiet betritt, und so wie sie weiterzieht, wenn es an der Zeit ist. Stattdessen blieb Brahes Gruppe mit ihrem für die Eingeborenen seltsamen Verhalten und unheimlichen Tieren monatelang im Jagd- und Fischgebiet des dortigen Stammes, ohne eine Übereinkunft mit ihnen zu suchen. Noch dazu an einem für sie wahrscheinlich heiligen Platz, denn Bäume wie der „Dig-Tree“ waren für sie eine Verkörperung der „ancestors“, der Ahnen (einen solchen Baum ritzte man auch nicht ein). Die weißen Männer kapselten sich ab und nahmen keine Hilfe an, geschweige, dass sie darum baten. Sonderbar – in den Augen der Natives. Nach ihren Regeln kann man aus einem Lagerplatz einen unbeaufsichtigten Gegenstand mitnehmen, gegen Hinterlassung eines kleinen Geschenks. „Diebstahl“ - für die Weißen! „Interkulturelle“ Missverständnisse!

Brahe und seine Männer zeigten Anzeichen von Skorbut, der gefürchteten Mangelerscheinung der Australienerforscher. (Hätte man die Eingeborenen gefragt, hätten sie wahrscheinlich Heilmittel gewusst!) Der Hufschmied Patten, der durch einen Pferdetritt verletzt war, brauchte dringend medizinische Hilfe. Da Brahe fürchtete, dass sie bei längerem Warten gesundheitlich und aus Proviantmangel den Rückweg nicht mehr schaffen würden, entschloss er sich aufzubrechen. Er glaubte, dass Burke einen anderen Weg zurück vom Golf genommen habe. Vor der späteren Kommission der Regierung, die den Tod Burkes und Wills untersucht, gibt er an, er habe die Notiz nicht für Burke geschrieben, sondern für eine nachfolgende Gruppe und den wahren Zustand seiner Gruppe beschönigt, damit nicht unnötig nach ihnen gesucht werde. Immerhin lässt er einen großen Teil der Vorräte im Versteck zurück.

Dass Brahe das Camp verließ, ohne auf  die Ankunft Burkes zu warten, rief später in Melbourne Kontroversen und eine Pressekampagne hervor, die Brahes Ruf beschädigte, Obwohl er in Briefen an die Königliche Gesellschaft und auch an die Presse seine Gründe plausibel darlegt, Überlebende der Expedition ihn entlasten, tadelt ihn das Untersuchungs-Komitee, findet aber auch Rechtfertigungsgründe. Die Königliche Gesellschaft wünscht „Nachsicht“ für ihn. Die deutsche Gemeinde und Presse treten für ihn ein. Man sieht in der Kampagne gegen ihn, einen Versuch, die Beteiligung der Deutschen zugunsten eines „britischen Triumphes“ herab zu setzen. Sein Bruder, William Alexander Brahe, Rechtsanwalt und später preußischer Konsul in Melbourne, steht unterstützend hinter ihm.

Der „Fall“ Wright

Auf dem Rückweg vom Camp 65 kam Brahe und seinen Männern ein Zug mit Kamelen und Pferden entgegen. Es war Wright mit dem lange erwarteten Nachschub und der Restmannschaft aus Menindee. Wrights Aufbruch hatte sich lange verzögert. Die Untersuchungs-Kommission machte ihn später nahezu zum Hauptschuldigen am Desaster der Expedition, und er kam nur knapp an einer gerichtlichen Anklage vorbei. Die Gründe für sein Zögern lagen in widrigen, aber auch persönlichen Umständen. Er gab an, dass er lange auf Bestätigung seiner Ernennung, Weisungen und Geld von Seiten der Königlichen Gesellschaft warten musste. Auch bei einer Rettungsaktion von zwei verirrten Kavalleristen, die Burke Mitteilungen bringen sollten, verlor er Zeit.

Sein Zug, der am 26. Januar aufgebrochen war, kam dann nur quälend langsam voran. Der Weg zum Cooper Creek war schwer zu finden, da Burke keine Zeichen gesetzt hatte, Wassermangel trat ein. Die Assistenten Charles Stone und William Purcell, aber auch Dr. Becker erkrankten. Dr. Beckeler konnte sie nicht retten, sie starben nacheinander an Skorbut und Ruhr (wohl durch Genuss schlechten Wassers). Becker starb am 29. April 1861, am selben Tag, an dem Brahe auf Wright traf. Alle wurden an Ort und Stelle begraben. Brahe und Wright ritten alleine zum Lager am Cooper Creek, verweilten dort aber nur kurz, ohne nachzugraben. Sie bemerkten keine Spuren, die auf die Anwesenheit Burkes hätten deuten können. Die gesamte Mannschaft kehrte nach Menendee zrück. Unterwegs starb Patten, der Schmid. Brahe ritt nach Melbourne um dort mitzuteilen, dass Burke, Wills und Gray verschollen seien.

Becker, Border of the Mud-Desert near Desolation Camp 1861 (State Library Melbourne) 

Burkes Weitermarsch

Einige Tage ruhen sich Burke, Wills und King im Lager aus und vergraben dann die Kamel-Kiste erneut mit einer Notiz und ihren Aufzeichnungen. Aus Angst, die Eingeborenen könnten sie finden, richten sie alles so her, wie sie es bei ihrer Ankunft vorfanden.

Burke trifft nun wieder eine fragwürdige Entscheidung. Er will einen kürzeren Weg zur nächsten englischen Ansiedlung nehmen, einer Polizei- und Viehstation, am Mount Hopeless südwestlich vom Cooper Creek. Zwei Jahre vorher war Augustus Charles Gregory war mit einer Expedition auf der Suche nach dem Verbleib Leichhards diesen Weg gezogen, in einer Woche ohne große Schwierigkeiten. Burke, Wills und King finden den Weg aber nicht und irren umher. Der Wassermangel zwingt sie, wieder zu den Wasserlöchern des Cooper Creek zurückzukehren. Die beiden letzten Kamele müssen erschossen werden. Aber auch deren Fleisch, von dem sie so viel wie möglich mitnehmen, geht zu Ende und sie haben keinen Proviant mehr. Jetzt müssen sie „wie die Blacks leben, finden das aber harte Arbeit“. Sie campen zeitweilig neben Eingeborenen, die ihnen Fisch und eine Art kleine Kuchen anbieten. Diesen stellen sie aus den mit Wasser angerührten gemahlenen Sporenkaseln einer Pflanze her, die sie „Nardu“ („Kleefarn“) nennen. Das ist eine australische Pflanze, die in Wasser oder auf sumpfigen Boden wächst und oft ganze Matten bildet. Der Ernährungswert der „Kuchen“ ist gering und kann bei unsachgemäßer Zubereitung giftig wirken. Die Kapseln enthalten einen Stoff, der das lebenswichtige Vitamin B1 zerstört. Es kommt dann zu „Beriberi“. Als die Eingeborenen weiterziehen, müssen die drei selber Nardu sammeln. Wills verlässt die anderen und besucht den „Dig Tree“. Brahe und Wright waren inzwischen hier gewesen, aber hatten keine Spuren hinterlassen. Wills vergräbt seine Aufzeichnungen und eine Notiz über den Standort der Gruppe und beseitigt auch alle Hinweise auf seinen Besuch.

Der Tod Burkes und Wills

Mühsam kehrt er zu den anderen zurück und findet sie vor einer abgebrannten Asthütte. Der Brand hatte all ihre ihnen noch verbliebene Habe vernichtet. Sie folgen Eingeborenen und suchen weiter nach Nardu, was sie schlecht vertragen. Sie frieren und werden immer schwächer. Ende Juni machen sich Burke und  King, der sich noch am besten fühlt, auf, um Eingeborene zu suchen. Sie lassen den bis auf die Knochen abgemagerten und gehunfähigen Wills in einer Asthütte zurück. Am zweiten Tag konnte Burke nicht mehr weiter. Am darauf folgenden Morgen stirbt er. Sein letzter Eintrag lautet:

„King blieb bei mir bis zuletzt. Er verließ mich auf mein eigenes Verlangen unbeerdigt und mit meiner Pistole in meiner Hand“.

King kehrt mit Nardu-Kuchen zu Wills zurück, aber findet auch ihn tot. Eingeborene hatten einige der Kleidungsstücke Wills mitgenommen und ihm die Äste der Hütte auf die Brust gelegt. King begräbt ihn und macht sich auf die Suche nach den Eingeborenen in der Hoffnung, von ihnen Nahrung zu erhalten.


Eingeborene finden die Leiche Wills am Cooper Creek ( Gemälde Eugene Montagu Scott 1865, State Library Melbourne) 

Die Auffindung Kings und der Reste Burkes und Wills

Am 14. August verließ eine „Victorian Relief (Hilfe-) Expedition“ unter Führung von Alfred Howitt, einem Expeditions erfahrenen Farmer, Melbourne. Das Erforschungs-Komitee hatte die Expedition ausgerüstet und abgesandt. Unter den 14 Teilnehmern war Brahe. Sie erreichten den „Dig Tree“ ohne Probleme am 11. September. Aber auch sie gruben nicht nach, da alles unverändert schien. Am 15. September ritt einer der Teilnehmer allein den Cooper Creek hinunter. Er sah am anderen Ufer des Flusses Eingeborene stehen und wild gestikulieren. Als er hin ritt, stoben sie auseinander. Sie ließen eine schwankende, in Fetzen gekleidete Gestalt zurück. Sie hob die Arme wie zum Gebet und fiel dann in den Sand.
Wer in Gottes Namen sind Sie?
„Ich bin King… Der letzte Mann der Forschungs-Expedition.“
„Wo sind Burke und Wills?
„Tot, beide seid langem tot.“

Die Eingeborenen hatten King erlaubt, mit ihnen in einer gesonderten Hütte zu leben. Sie gaben ihm zu essen, er hatte für sie Krähen geschossen und einigen erste Hilfe geleistet.
Es heißt, er habe sogar mit einer Eingeborenen-Frau eine Tochter gezeugt.

Howitt fand auf Grund der Angaben Kings Wills und Burke. Die Leichen waren von Dingos zerfleddert worden. Der Kopf Wills fehlte bis auf Reste. Bei Burke waren Hände und Füße nicht mehr aufzufinden. Der rostige Revolver lag noch neben ihm. Howitt begrub beide an den Fundstellen und markierte jeweils einen Baum. Die Überreste Burkes hüllte er in eine Union-Jack-Fahne. Brieftauben, die Howitt mit der Nachricht vom Fund und der Bestattung aufsteigen lassen wollte, wurden von Falken getötet bzw. am Flug gehindert.

Howitt grub nun auch die Kiste unter dem „Dig Tree“ aus und fand die schriftlichen Hinterlassenschaften Burkes und Wills.

Begräbnis der Überreste Burkes am Cooper Creek (Gemälde von William Strutt 1911, State Library Melbourne)  

Nachwirkungen

Inzwischen hatten Victoria, South Australia und Queensland weitere Rettungsexpeditionen ausgesandt. Die australischen Kolonien nahmen Anteil an der Frage nach dem Verbleib Burkes und Wills.

Die Nachricht von den Geschehnissen überbrachte wieder Brahe nach Melbourne. Sie erzeugte dort große Aufregung und überschattete den ersten Melbourne Cup.

Nachdem die Untersuchungs-Kommission ihren Bericht abgeschlossen hatte, der starke Kritik an Burke übte, aber auch die Bewunderung seiner Tapferkeit, der Treue Wills und der Ausdauer des „glücklicheren“ Kings ausdrückte, beschloss man das erste Staatsbegräbnis Victorias für Burke und Wills abzuhalten. 1862 exhumierte Howitt die Reste der beiden und brachte sie nach Melbourne. Am 21. Januar 1863 folgten 60000 Menschen dem Trauerzug auf den Hauptfriedhof, um den beiden Führern der erfolgreich-unglücklichen „Burke and Wills Exploring Expedition“ das letzte Geleit zu geben. So endete ihre lange Rückreise vom Cooper Creek.

Ich stand dort vor der gewaltigen Granitsäule, deren Sockel-Inschrift an Burke, Wills, Gray und King erinnert. Auf dem Grab Burkes und Wills lese ich:
„Im Angedenken an Robert O´Hara Burke und William John Wills. Die ersten, die den australischen Kontinent durchquert haben. Kameraden in einer großen Bemühung, Gefährten im Tod und vereint im Ruhm.“


Die Expedition war in Hinsicht auf die Todesopfer und die Aufwendungen „lamentabel“ – wie die Untersuchungskommission es ausdrückte. Die geographischen Erkenntnisse und die praktischen Ergebnisse waren gering. Es wurden keine neuen lohnenden Siedlungsgründe gefunden, die Straße, die Telegrafenlinie und die Bahnlinie nach dem Norden wurden nicht auf der Strecke Burkes verlegt, sondern von Adelaide über Alice Springs nach Darwin. Der „Dig Tree“ am Cooper Creek kann nur über verschlungene und unbefestigte Straßen von Longreach oder Broken Hill mit Gelände tauglichen Fahrzeuge und geeigneter Ausrüstung erreicht werden. Wir hatten das bei unserer Australien-Umrundung erwogen, als wir Longreach erreichten, schlugen uns das aber aus dem Sinn, weil die Outback-Straßen gesperrt waren. 

Immer wieder wurde und wird Burke zum Helden hoch stilisiert, trotz seiner offensichtlichen Fehler. Er  ist  zum „Mythos“ der „heroischen Entdeckerzeit“ und eine Berühmtheit geworden, die eigentlich nur noch Ned Kelly, der „Bushranger“, erreichte.

Charles Summers, Standbild Burkes und Wills´ (1865) in Melbourne (Swanston/Collins Street) 



Mittwoch, 20. Januar 2016

(17) Ned Kelly (1854 -1880) – eine australische Legende


Edward „Ned“ Kelly stammte aus einer Familie, in der es Tradition war, sich gegen die staatlichen Autoritäten aufzulehnen. Der Sohn eines irischen Strafverbannten - wegen „Schweinediebstahl“ nach „Van Diemen´s Land“/Tasmanien verbracht - wuchs unter ärmlichen Verhältnissen in der Nähe von Melbourne auf.

Irische Immigranten – die in großer Zahl nach Australien kamen - waren meist arm und  standen unter dem Verdacht konspirativer und krimineller Neigungen.

Als Schulkind rettete Ned unter Lebensgefahr einen  Jungen vor dem Ertrinken und erhielt als Belohnung von dessen Eltern eine Schärpe, die er noch bei der finalen Gefangennahme unter seiner Rüstung trug. Sein Vater verstarb an den Folgen von Alkoholmissbrauch und eines Gefängnisaufenthaltes mit Zwangsarbeit, den er wegen   Besitzes von Ochsenfleischs zweifelhafter Herkunft erhalten hatte. Ned musste den Schulbesuch abbrechen.

Die kinderreiche und zunächst vaterlose Familie verzog in die Gegend um Glenrowan (Victoria) am  Murray-River (heutiges „Kelly-Land“). Ned versuchte durch Viehdiebstähle und Beteiligung an dubiosen Viehhandelsgeschäften zum Unterhalt seiner Familie beizutragen. Bei seinen Diebstählen, die er auch als späterer „Outlaw“ fortführte,  beschränkte sich auf  das Vieh der reichen Grundbesitzer, der „Squatters“, die die armen Siedler – zu denen die Familie Neds gehörte – bedrängten. Dies begründete seinen Ruf als „Robin Hood des Outbacks“.

Der jugendliche Ned wurde mehrfach vor Gericht gestellt (wegen Diebstahl, Raub und Tätlichkeiten), aber mangels Beweisen wieder freigelassen. Zeitweilig soll er Gehilfe des Bushrangers Harry Power gewesen sein. Dieser war in den Bush gegangen, weil er auf zwei betrunkene Polizisten geschossen hatte, die ihn unrechtmäßigerweise festnehmen wollten und attackierten.

Mit 16 Jahren wurde Ned wegen „kriminellen Gebrauchs“ eines angeblich von ihm gestohlenen Pferdes zu 3 Jahren Gefängnis mit Zwangsarbeit verurteilt. Nach seiner Freilassung aus einem berüchtigten Melbourner Gefängnis wurden die Mutter Neds und seine Schwester von einem betrunkenen örtlichen Polizisten bedroht, der Neds Bruder Dan festnehmen wollte. Es kam zu einem Handgemenge - wobei der Polizist niedergeschossen wurde - und in der Folge beschuldigte der Beamte den abwesenden Ned des versuchten Mordes, worauf dieser in den Bush untertauchte. Mit seinem Bruder Dan und zwei weiteren Freunden irischer Abstammung – sie hatten sich im Gefängnis kennen gelernt -  bildeten die jungen Outlaws eine Gang. Sie waren gute Reiter und kannten sich im Bush vorzüglich aus. Unter der armen Bevölkerung hatten sie Sympathisanten und Unterstützer.

Die Gang umstellte am Stringybark Creek das Camp von vier Polizisten, die sie aufspüren sollten. Drei  - die sich nicht ergaben – wurden durch Ned und seine Komplizen erschossen, angeblich in „Notwehr“. Einer entkam und meldete den Vorfall

Fahndungsaufruf 
Kelly wurde von der Regierung in North South Wales und Victorias zum „Outlaw“ erklärt und eine hohe Belohnung auf seine Ergreifung, tot oder lebendig, ausgesetzt. Auf Grund eines Gesetzes war es jedermann möglich, als Outlaws erklärte Bushranger unverzüglich zu erschießen.
Die Kelly-Gang überfiel verschiedene Banken und nahm dabei Geiseln (die Ned, der sich stets als „Gentleman“ aufführte, gut behandelte und wieder freiließ). Das erbeutete Geld wurde unter der Familie und Freunden verteilt. Ned und seine Kumpane ließen sich schwere eiserne Rüstungen (mehr als 44 kg) aus Flugscharen herstellen, die sie vor Schüssen schützen sollten und in denen sie Furcht einflössend wirken wollten.

"Rüstung" und Gewehr Kellys 
In einem langen öffentlichen Brief, dem „Jerilderie-Brief“, den Ned  1879 anlässlich eines Banküberfalls in Jerilderie diktiert hatte und der Presse übergeben wollte, verteidigt er seine Aktionen; er gibt kriminelle Taten zu, stellt seinen Werdegang aber als Folge polizeilicher Übergriffe und gerichtlicher Ungerechtigkeiten hin. Er beklagt sich über die Behandlung seiner Familie und der irischen Katholiken überhaupt durch die viktorianische und englische Polizei. Er behauptet, die Gesetze des Empire würden keine Gerechtigkeit kennen und erwägt die Möglichkeit eines Aufstandes. (Wie es heißt, soll Ned auch an die Ausrufung einer Republik in Viktoria gedacht haben.) Der Brief schließt mit Drohungen gegen die, die sich gegen die Gang stellen würden: „Ich bin der ausgestoßene Sohn einer Witwe und meine Anordnungen müssen befolgt werden.“


Aus dem "Jilderie-Brief" Kellys: "Es würde sich für die Regierung bezahlt machen, wenn sie  den unschuldig  Leidenden Gerechtigkeit und Freiheit gewährte"
Unten: Originalseiten des Briefes


Der Brief wurde erst 1930 vollständig veröffentlicht. In der Ausstellung in der State Library ist das Manuskript zu sehen. Das Dokument verschafft einen bemerkenswerten Einblick in die Persönlichkeit Kellys, aber auch in die  damaligen sozialen Verhältnisse der Landbevölkerungs Viktorias, die  polizeiliche Korruption und die Versuche der Führungsschicht durch „Law and Order“ Unruhen und Widersetzlichkeiten zu unterdrücken.

Zur entscheidenden Auseinandersetzung mit der Staatsmacht kam es 1880 in Glenrowan, nachdem eines der Gangmitglieder einen angeblich verräterischen Farmer und ehemaligen Freund erschossen hatte. Dabei standen Fahndungsbefehl und Prämie kurz vor dem Auslaufen und die Gang dachte wohl zunächst daran, ihren Privatkrieg gegen die staatlichen Autoritäten durch Verhandlungen oder Auswanderung beizulegen.

Kurz vor dem „Shootout“ in Glenrowan besuchte Ned seine Kusine Kate, die er liebte. Das hat "Abschiedscharakter" und deutet darauf hin, dass Ned den Kampf mit den "Ordungskräften" für unausweichlich hielt, wobei er mit der Möglichkeit seines Todes rechnete. Vielleicht hoffte er auch, damit eine "Revolution" der armen Bevölkerung gegen die Führung Victorias auszulösen. Über seine Motive zu der selbstmörderisch anmutenden Aktion in Glenrowan können jedoch nur Vermutungen angestellt werden. Jedenfalls ist das Unternehmen bewusst inszeniert worden und nicht zufällig oder erzwungen zustande gekommen. Die Gang hätte beim Anrücken der übermächtigen Gegenkräfte fliehen können...Es war wohl auch so, dass die Gruppe Unterstützer aus der Bevölkerung fand.

Die "Glenrowan Inn", Ort des finalen Kampfes der Kelly-Gang  (Bild: althistory.wikia.com). Archäologen haben in den Resten des abgebrannten Anwesens Spuren des Kampfes gefunden.
Das heutige Glenrowan (184 km nordöstlich von Melbourne) lebt von der Erinnerung an Ned Kelly  (Bild: www.nedkellytouringroute.com.au)
Die Gang zerstörte die Bahngleise nach Glenrowan, auf denen zwei Züge mit Polizeikräften und Truppen zur Ergreifung der Bande sowie Reporter herbeigebracht wurden. Ned und seine Freunde nahmen die Einwohner Glenrowans – die keinen Widerstand leisteten - als Geiseln und verschanzten sich in einem Hotel, in dem die 62 Gefangenen und die Gang mit Whisky und Tanz feierten. Inzwischen waren die Zugbesatzungen (durch Verrat einer frei gelassenen Geisel) gewarnt, die Gleise wiederhergestellt worden und die Züge am Bahnhof angekommen. Das Hotel wurde abends umstellt und eine wilde Schießerei begann, die ohne polizeiliche Erfolge endete. Die Bushranger schienen auf Grund ihrer Rüstungen unverwundbar. Am nächsten Tag trafen weitere Polizeikräfte und Truppen ein (mit einer Kanone!). Sukzessive wurden Geiseln entlassen. Ned Kelly war verwundet worden und hatte sich in den Bush zurückgezogen (um zu flüchten oder um Unterstützer wegzuschicken?). In den frühen Morgenstunden kehrte er zurück und  griff von hinten Polizisten an, denen er in weißem Umhang und Rüstung wie ein Gespenst, Teufel oder „Bunyip“ (Sumpf-Ungeheuer der Aboriginal-Mythologie) erschien. Man feuerte ohne Erfolg auf ihn, bis ein Sergeant bemerkte, dass Füße und Arme ungeschützt waren. Kelly erhielt Einschüsse an Händen, Armen, Beinen und Leistengegend. So wurde er gefangen genommen und zur Bahnstation gebracht, wo er ärztlich versorgt wurde.

Kelly in Aktion (Zeitgenössische Darstellung) 
Im weiteren Verlauf der Belagerung erhielt Gangmitglied  Joe Byrne einen Schläfenschuss, während er an der Bar einen Trinkspruch auf die Kelly-Bande ausbrachte.

Am Nachmittag entschloss sich die Polizeiführung, das Hotel in Brand zu setzen. Das war das Ende: Dan Kelly und sein Kumpan Steve Hart, die bis zuletzt gefeuert hatten, erschossen sich wohl selbst und verbrannten.

Im Kreuzfeuer der Polizei starben zwei Geiseln und es gab 5 Verwundete unter diesen und den Polizeikräften.

Ned Kelly wurde in das „Old  Melbourne Gaol“, das „Alte Gefängnis“, überführt und vor Gericht gestellt. Der ebenfalls irisch-stämmige Richter Barry verurteilte ihn in einer kurzen Verhandlung zum Tode durch Erhängen. Den Spruch des Richters: „Möge Gott deiner Seele gnädig sein“, beantwortete der Verurteilte mit: „Ich werde ein wenig früher gehen und ich werde Sie dort wieder sehen, wenn ich gehe.“ Tatsächlich starb Barry kurze Zeit darauf an einer infizierten Beule am Nacken (!). Die Mutter Neds, die im Gefängnis saß, ermahnte den Sohn: “Stirb wie ein Kelly!“


Das "Alte Gefängnis" in Melbourne 


Kellypuppe, die im "Alten Gefängnis" verkauft wird 
Trotz  kniefälligen Flehens seiner Schwester Kate vor dem Gouverneur und einer Bittschrift mit  ca. 30 000 Unterschriften, die von 200 Leuten überbracht wurde, starb Edward Kelly am 11.11.1880 25-jährig am Galgen des Melbourne Gaol. Heute ist das alte Gebäude mit seinem Galgen eine Besichtigungsattraktion, in der Kelly ganz schön vermarktet wird. Seine letzten Wort, die sprichwörtlich geworden sind, waren: „ Such is life“ – „So ist das Leben“, und: „Ich vermute, es musste so kommen!“

Galgen im "Alten Gefängnis" 
Die "Totenmaske" Kellys 
Die ausgesetzte Kopfprämie von insgesamt 8000 Pfund wurde nach seiner Hinrichtung unter diejenigen, die zu seiner Ergreifung beigetragen hatten, Polizisten und Zivilisten, verteilt.

Die Diskussionen um den Tod Kellys führten zu Veränderungen im Polizeiapparat und in der Gesetzgebung.

Seine Leiche wurde von Medizistudenten seziert - was illegal war - und im Gefängnishof  begraben. Der Schädel, von dem eine Totenmaske abgenommen worden war, wurde für phrenologische Studienzwecke verwendet und diente dann bei der Polizei eine Zeitlang als Briefbeschwerer. Der Kopf ist heute verschollen.

Nach wechselvollem Verbleib und Schicksal wurden die Reste Ned Kellys, die zuvor einer DNA-Identifizierung unterzogen worden waren, 2013 den zahlreichen Nachkommen der Familie übergeben. Die Knochen wurden gemäß dem letzten Wunsch des Gehenkten in der Nähe des Grabes seiner Mutter auf dem Friedhof in Greta begraben. In der St. Patricks Kirche im nahen Wangaratta, Victoria, wurde eine Totenmesse zur Beisetzung des getauften Katholiken in „geweihtem Boden“  gelesen – nicht unumstritten in der Öffentlichkeit Australiens.

Kellys Grab 

Die Diskussionen um den Verbleib der Reste zeigte, dass die unterschiedliche Bewertung der Gestalt Ned Kellys zwischen Anhängern von „Law and order“ und mehr liberal und sozial Denkenden auch heute noch vorhanden ist – wie zu seinem Lebzeiten und bei seiner Hinrichtung. Die Befürworter einer würdigen Bestattung werten ihn auch als historische Gestalt der Geschichte Australiens, die innerhalb ihrer Zeit zu sehen ist.

Ich habe mich gefragt, warum ein Krimineller und Mörder wie Ned  Kelly  letztlich doch eine „Ikone“ Australiens geworden ist.

Ich möchte seine kriminellen Taten nicht rechtfertigen, aber offenbar hatte er einen Sinn für Gerechtigkeit, auch für die Unterprivilegierten und Außenseiter. Dieser Sinn ist in der Geschichte Australiens nicht immer zu finden. Das koloniale Erbe hat Opfer hinterlassen, nicht nur unter den Aborigines.

Vielleicht hängt die Hochschätzung des „Outlaws“ auch mit dem rebellischen und selbsthelferischen Geist der frühen Convicts (Gefangenen) und Siedler zusammen, der in manchem Australier immer noch schlummert – unter dem gängigen Konformismus und der üblichen Gesetzestreue.

Ned  Kelly repräsentiert eine „andere Seite“ Australiens. Nicht die der der „heroischen“ Siedler, der „gloriosen“ Entdecker, Forscher, Staatsmänner, der „Lichtgestalten“ der offiziellen Geschichtsschreibung, sondern die der armen Immigranten, der freigelassenen Strafdeportierten, die als kleine Farmer, Bedienstete, „Digger“ ( Goldgräber), Viehtreiber, Arbeiter. Sie kämpften um´s Überleben, hatten mindere Rechte und wussten sich manchmal nicht anders zu helfen, als sich zusammen zu tun und zu Gewalt und Rebellion gegen das „Establishment“ zu greifen. Lebensgeschichten, die nur selten ge- und beschrieben wurden. Heute wendet man sich in Australien allerdings auch dieser Seite der Geschichte des Kontinents zu. Ich konnte in Museen und Gedenk-Orten viel darüber erfahren.

Eine gewisse Aktualität hat die Figur Ned Kellys auch deswegen wieder bekommen, weil Australien in der Frage der Zuwanderung von Flüchtlingen und ihrer Behandlung gespalten ist.

Mauerskulptur in der Nähe des Melbourner Gefängnisses in Anspielung an Kellys Totenmaske 
Kelly als Wandmalerei in La Trobe Street, Melbourne  (Bild: Ha-Ha)





Plakat des Kelly-Films mit Mike Jagger in der Hauptrolle. Die "Kelly-Story" wurde seit 1906 mehrfach verfilmt.

Sidney Nolan, Aus der Ned-Kelly-Serie ( 1946/7 - National Gallery of  Australia, Melbourne). Kelly hier als "Hero" des Outback.
Die Gestalt Kellys hat australische Künstler, Schriftsteller und Filmemacher vielfach beschäftigt. Nolans Serie von Kelly-Bildern, in einem eigenen Raum in der Nationalgalerie ausgestellt, ist die interessanteste und berühmteste malerische Auseinandersetzung mit der Figur des Outlaws. 















Montag, 18. Januar 2016

(16) Zurück in die Goldgräberzeit – Sovereign Hill bei Ballarat


Blick auf die wiederaufgebaute Goldgräberstadt Sovereign Hill
Ausgerüstet mit dem Wissen über den Goldrush in Viktoria, das wir im Treasury Building in Melbourne gewonnen hatten, wollten wir eine Gelegenheit nicht verpassen. Nämlich in die Goldgräberzeit einzutauchen. Anderthalb Stunden Fahrzeit und nordwestlich von Melbourne liegt die alte Goldgräberstadt Ballarat. Dort hat man auf dem Sovereign Hill eine Stadt aus den Goldrush-Zeiten um 1850/60 wieder aufgebaut. Kein Potemkinsches Dorf, sondern z. T. aus echten historischen Gebäuden in Ballarat. Und tatsächlich wurde in Sovereign Hill eine Menge Gold gefunden. Dort wurde auch die ursprünglich auf dem „Bakery Hill“ befindliche Mine wieder hergestellt, in der der zweitgrößte je gefundene Goldklumpen, der „Welcome Nugget“ gefunden wurde (ich habe im Melbourne-Bericht schon darüber geschrieben).


Oben und unten: Ballarat
Erst einmal stärkten wir uns nach der Fahrt in einem speziellen Feinkostladen („Deli“ in Australenglisch) mit Bewirtung. Auf der Suche bekamen wir einen Eindruck von den prächtigen historischen Gebäuden aus der Glanzzeit Ballarats, die die breiten Hauptstraßen säumen. Ende des 19. Jahrhundert, ehe der Goldrausch abebbte, war Ballarat eine Stadt, die „alle Einrichtungen und Vorzüge der Kultur“ besaß, wie Mark Twain in seiner „Reise um die Welt“ (1897) beschreibt. Mark Twain, der selber Goldgräber in Amerika war, beschreibt aber auch den Raubbau an der Natur, an der ursprünglich „paradiesischen schönen Waldeinsamkeit“, die hier auf Grund der Goldfunde stattfand. „Eine himmlische Gegend zu Schanden zu machen…versteht wohl niemand besser als die Goldgräber.“ Der Zustrom der Goldsucher vertrieb auch die Eingeborenen, die hier einen Versammlungsort (= Ballarat) hatten. Diejenigen, die verblieben, leisteten untergeordnete Dienste für die Europäer.   
 
Ballarat am Anfang der Goldgräberzeit um 1850 


Die Goldgräber haben die Landschaft verwandelt

Heute ist Ballarat eine ruhige Provinzhauptstadt von 86 000 Einwohnern, die von ihrer Vergangenheit zehrt.

Souvereign Hill  – Leben in einer Goldgräbersiedlung

In Sovereign Hill angekommen, grummelten wir ein bisschen über den hohen Eintrittspreis. Aber wir hätten etwas versäumt, wenn wir den gespart hätten. Dann ging´s hinein in´s Goldgräberleben. Erst einmal überblickten wir die Siedlung. Links in einer Senke sehen wir eine Zeltstadt. So haben die ersten Goldgräbercamps ausgesehen haben. Rechts auf dem Hügel sehen wir zwei Fördertürme. Darunter befinden sich zwei Minen. Am Hang entlang der Hauptstraße ziehen sich Häuser bis zum Gipfel des Hügels. Auch rechts davon liegen Gebäude – eine ganze Stadt liegt vor uns. Zwischen Zeltcamp und Stadt fließt ein  kleines Bächlein. Wie sehen geschäftige Menschen daran hantieren. Eine alte Kutsche, mit Besuchern zieht ihre Runde, dicke Pferde vorgespannt. Man reiste ja damals mit Kutschen an, ehe die Bahnlinie 1889 fertig gestellt wurde.

Bilder: Zurück in die Goldgräberzeit

                                                             
                                                              
















Wir begeben uns in das Zeltcamp und blicken in einzelne Zelte. Darin: Tisch, Stühle, Betten, kleine Schränkchen, Goldgräberutensilien. Hinter einem Zelt tummeln sich kleine Schweine. Das Leben in den Canvas-Zelten muss sehr primitiv gewesen sein und bisweilen war es sicher auch kalt. An Schriftzeichen merken wir: hier hausten Chinesen. Tatsächlich waren diese Zelte Unterkünfte chinesischer Goldgräber. Wir finden Zelte eines Lebensmittelhändlers, eines Metzgers, einer chinesischen „Arztpraxis“ mit Apotheke und einen Holz-Tempel. Dort flehten die chinesischen Digger Glücksgötter oder –geister um Erfolg bei ihrer Suche an, sicher auch um Bewahrung ihrer zurückgebliebenen Familien in China und um gute Heimkehr. Offensichtlich lebten die Chinesen getrennt von den europäischen Goldsuchern, die in den Häusern auf dem Hügel lebten. Man kann sich vorstellen, dass das Zusammenleben mit den anderen Goldgräbern nicht ohne Spannungen verlief.
  

Oben/Unten: Blick in Zelte chinesischer Minenarbeiter


Hütte eines Bäckers

Metzgerladen

Noch lebt das Schweinchen...


Gemischtwarenladen

Hier war ein chinesischer Heilkundiger/Apotheker tätig


Blick in den chinesischen Tempel
Als 1851 die ersten Goldfunde in Victoria gemacht wurden und man dann immer mehr Gold fand, wurde das auch in Europa bekannt. Die Industrialisierung und Maschinisierung führte zur Verelendung großer Bevölkerungsteile dort. So machten sich viele auf, um ihr Glück als Goldsucher in Amerika und Australien zu finden. Bei den Europäern waren es vor allem Engländer und Iren. Aus Asien kamen Chinesen. Sie wurden von Agenten ins Land gebracht und mussten oft lange an diese Kosten abzahlen. Oft ließen sie das Gold auch direkt, an den Regierungsbeamten vorbei,  nach China bringen. Nachdem immer mehr Chinesen kamen, erließ die Regierung Einreiseerschwerungen und  –beschränkungen – so reisten viele illegal ein (all dies wiederholt sich heute). Als die Goldfunde knapp wurden, gab es Übergriffe europäischer Goldsucher auf die unliebsamen Konkurrenten aus Asien, bis hin zu Tötungen.

Die Chinesen in Ballarat unterstanden einem besonderen Beamten, dem „Chinese Protector“ und besonderen Regelungen, dem „Chinese Regulation Act“. Wir fanden sie am Büro des Protectors im „Regierungsviertel“ angeschlagen, konnten sie aber nicht lesen, da sie auf Chinesisch abgefasst waren.



Am Rande der Zeltstadt sahen wir auch die Mine der Chinesen. Ein hölzerner Förderturm erhebt sich da und eine Lore ist zu sehen, mit der der Abraum auf Schienen ins Tal gefahren wurde. Durch ein Gitter blicken wir in den dunklen und engen Schacht hinunter, in den die chinesischen Minenarbeiter wohl hinab gelassen wurden, um unter Tage ihre gefährliche und beschwerliche Arbeit aufzunehmen.


Das ist der Schachteinstieg 
Nach der Runde durch die Zeltstadt, kommen wir an den kleinen Bachlauf, der durch die Siedlung fließt. Hier sitzen Kinder und auch Erwachsenen (passenderweise sind es vor allem Chinesen), die den Sand und Kies sieben. Angeblich soll man noch heute Goldkörnchen finden können. (Wir haben es nicht versucht.) Ursprünglich wurde ja das Gold in Ballarat in alluvialen Flussablagerungen gefunden und oberflächlich geschürft.
 
Goldschürfer in alten Zeiten
Heutiger Goldwäscher

Pfanne zum Goldwaschen

Ich habe gelesen, dass 2012 und später von Männern, die mit Metalldetektoren unterwegs waren, in der Umgebung von Ballarat noch große Goldklumpen gefunden wurden. (Kein Wunder, dass der Detektorenverkauf in Ballarat blüht!)

Wir wandern die Hauptrasse an den Bauten hinauf. Sie sind aus Holz errichtet (wofür die umliegenden  Eukalyptus-Wälder herhalten mussten). Hier und an Nebenstrasse finden wir Geschäfte, Handwerksbetriebe, Banken, Gaststätten, Hotels, eine Post, Kirchen und sogar ein prächtiges Theater – alles im historischen Stil. Auch Komparsen in zeitgenössischer Tracht laufen herum und lassen sich mit den Besuchern fotografieren – nicht bloß  bärtige Digger, sondern auch vornehmer gekleidete Geschäftsleute, Angestellte, Beamte. Auf einem kleinen Platz preist ein ambulanter Händler redegewandt irgendeine komische Erfindung an. Straßenmusikanten unterhalten die Passanten mit Country-Music. Auch „Troopers“ patroullieren. Sie sorgten für die Ordnung, denn es mag manchen Streit gegeben haben,  um Funde, „Claims“ etc., aber auch Zusammenrottungen gegen Minenbesitzer und die Obrigkeit.




Menschentypen... 




Eine der Kirchen (kath.). Unten: Innenraum


Heute geschlossen: Wer mag früher hier gespeist haben?














Er sorgt für Stimmung 


...der Straßenverkäufer aber auch 
Die Ankunft der Goldgräber brachte bald den Aufbau einer zivilisatorischen Infra-Struktur mit sich.

Es ist interessant, den Handwerkern bei ihrer Tätigkeit zuzuschauen, z. B. einem Drucker, bei dem wir ein Fahndungsplakat nach historischer Vorlage für einen Freund bestellen. Oder einem Schmid, der Pfannen herstellt. Oder einem Bonbon-Fabrizierer, der natürlich besonders die Kinder anzieht. Wir finden auch einen Sargmacher und eine Kutschen-Werkstatt.

Hier wird gedruckt 
Ein Schmied 

Er bereitet die Bonbonfabrikation vor

So reiste man 

Für ein würdiges Begräbnis 
Im Hotel gibt es Einzel- oder Mehrbettzimmer. Mancher Digger mag hier gewohnt haben, bis ihm das Geld ausging oder er einen Glückfund machte. Dann konnte er sich eine kleine blumenumstandene Farm kaufen, wie sie am Rande der Siedlung zu sehen ist, oder er zog in eine Stadt, nach Ballarat hinunter oder gar nach Melbourne und kaufte sich da in Häuschen.



Einbett - und Mehrbettzimmer


Aufenthaltsraum 

Kleine Farm am Rande der Goldgräberstadt 

Besuch in der Red Hill Mine

Die meisten haben aber nicht einzeln gearbeitet, sondern in Gruppen oder für Kompanien, in Minen. Nachdem das oberflächliche Gold abgebaut war, schürfte man unter Tage. Die Goldgewinnung wurde kapitalisiert und  industrialisiert. Minen wurden tief in die Erde getrieben, abgetäuft, das Wasser und der Abraum über Fördertürme mit Dampfmaschinen hochgebracht. Alles mit einem riesigen Holzverbrauch, wozu auch wieder die Wälder herhalten mussten.


Wir besuchen die Red Hill Mine, in der der „Welcome Nugget“ gefunden wurde. Durch holzverschalte verwinkelte Gänge, über Pfützen geht es in die Tiefe. Am Endpunkt wird der große Fund in einem Video dargestellt, lebensecht an eine Wand projiziert. Ein Minenarbeiter stützt sich auf seinen Pickel, auf die harte Arbeit schimpfend. Dann hackt er wild auf einen Felsen ein. Da blitzt das Gold auf …schreiend  ruft er seine Kumpane herbei. Tatsächlich waren es 22 schottische Arbeiter, die den Fund für die Gesellschaft machten. Wir fragen uns, wie viel sie wohl  von dem Erlös bekamen. Wir lesen auch, wer die (letzten?) Besitzer der Mine waren: Julius, Isidor und Joseph Wittkowski. Die Namen hören sich an, als wären sie aus dem Ruhrgebiet gekommen.


Im Inneren der Mine: hier wird der Goldfund dargestellt 

Nachbildung des "Welcome Nuggets" im Museum 


Etwas höher gelegen befindet sich eine größere industrielle Mine, mit  technisch modernerem Fördertum und riesiger Abraumhalde.


Im „Gold Office“ der „Colonial Bank of Australia“  wurden die Goldfunde gewogen und gegen bare Münze umgewechselt werden. Eine Tafel informiert über die „aktuellen“ Goldpreise.



Nicht nur Goldsuche…

Die Arbeit war hart, aber es war auch für Vergnügungen gesorgt, bei denen man seinen Gewinn wieder ausgeben konnte. An der langen Bar in einem prächtigen Pub floss der Alkohol sicher in Strömen.  Eine große Kegelbahn sorgte für mehr sportliche Betätigung. Das prachtvolle Theater würde noch heute manchem Stadt-Theater Ehre machen. Ich vermute, hier wurden wohl weniger klassische Theaterstücke oder Opern dargeboten, sondern eher Varieté-Veranstaltungen. Da mögen die Röcke der Can-Can-Tänzerinnen zum Vergnügen der Männer hoch geflogen sein.






Blick in das Theater. Unten: Foyer






























Wer in sich gehen wollte und geistliche Erbauung suchte, hatte auch dazu die Gelegenheit. Es gibt mehrere Kirchen für die verschiedenen christlichen Konfessionen.  Wer sich in der Freizeit bilden wollte, konnte eine Bibliothek aufsuchen. „Silence“, Ruhe, wird hier geboten. Da findet man auch das Bildnis der Königin, die ihrem Zeitalter den Namen gab: Queen Victoria - sie regierte von 1837 bis 1901.

Methodistische Kirche 



Queen Victoria 
Es gibt auch eine Schule. Manche der nicht immer unkultivierten Digger hatten ja ihre Familie mitgebracht und die Kinder sollten nicht ungebildet bleiben. Besucherkinder haben die Gelegenheit, eine historische Schulstunde mitzuerleben.





Auf dem Platz vor dem Theater und dem „Napier-Hotel“ sammeln sich Menschen, Komparsen und Besucher. Drei  „Giganten“ werden von Männern herbei getragen und -gekarrt. Zwei riesige Monstren, zusammengebaut aus Maschinenteilen und Bergbau-Utensilien kämpfen miteinander, geführt von Männern und beaufsichtigt von einer Gigantin mit Rock und Uhr als Kopf. Ziemlich symbolisch das ganze natürlich. Ob solche öffentlichen Vergnügungen schon in der Goldgräberzeit stattgefunden haben? – Wir wissen es nicht. Wir fühlen uns aber fast heimatlich berührt, denn solche bezeichnenden Giganten kennen wir aus Katalonien.



Die "Uhrengigantin" wird angekarrt 
Jetzt ist sie aufgebaut 



Die "Giganten" im vollem Kampf 

Die Zuschauer amüsieren sich sichtlich

Wir setzen unseren Rundgang in das vom „gewöhnlichen“ Dorf abgesonderte Regierungs-Camp fort. Die herrschaftliche Häuseransammlung im frühen Siedlerstil inmitten grüner Rasenflächen ist eingezäunt. In der Nähe befinden sich die „Military Barracks“. Man bedurfte wohl des Schutzes.



Haus des Gouverneurs 

Militär-Baracken 

Im nahen und modernen Gold Museum erfahren wir viel über die Geschichte des Goldrausches und das Leben auf den Goldfeldern von Ballarat. Auch eine Nachbildung des „Welcome Nuggets“ sehen wir wieder. Wir erfahren, dass der Goldabbau in Ballarat 1918 eingestellt wurde, wegen Unrentabilität. Allerdings wurde in den letzten Jahren die Goldgewinnung in einer Mine wieder aufgenommen, von  „Castlemain Goldfields“- im Besitz von „LionGold Corp“, „Asia´s Own Global Gold Company“…Die Chinesen kehren wieder!

Ein folgenreiches  Ereignis in der Geschichte Australiens – Aufstand der Goldarbeiter

Wir stoßen im Museum auf ein wichtiges Dokument: eine regierungsamtlich  „nicht übertragbare Gold License – für einen Monat“. Kosten: 1 Pfund. Diese Lizenzen waren der Anlass für ein wichtiges Ereignis in der Geschichte Australiens: die „Eureka Stockade“ oder „Rebellion“.


Goldsuche war an monatliche Lizenzen gebunden, die schon vor jedem Fund erworben werden mussten. Die Erlaubnisscheine waren für die mittellos in Australien ankommenden Goldsucher schwer erschwinglich. Zusammen mit dem korrupten und willkürlichen Verhalten der Ausgabe-Beauftragten und der kontrollierenden Polizisten sorgte das für viel Unmut. Hinzu kam, dass die Digger und Miner keine politisch-rechtliche Vertretung und kein Wahlrecht hatten (das an Landbesitz gebunden war). Als die Regierung 1852 eine Erhöhung der Gebühren von einem auf drei Pfund ankündigte, führte das zu heftigen Protesten und Zusammenschluss der Betroffenen. 1854 wurde ein Miner im „Eureka Hotel“ („Heureka“- griech. „ich hab´s gefunden“ - ein Goldfeld bei Ballarat) ermordet und der des Mordes mitverdächtigte Hotelbesitzer vom Magistrat geschützt. Darauf brannte eine wütende Menge das Hotel nieder.

November 1854 versammelten sich 10 000 Miner auf dem Bakery Hill und gründeten die „Ballarat Reform League“. Sie forderten die Freilassung von drei Diggern, die nach dem Hotelbrand festgenommen worden waren, das „unveräußerliche Recht eines jeden Bürger bei der Gesetzgebung eine Stimme zu haben“ und nannten „Besteuerung ohne Vertretung Tyrannei“. Der Gouverneur Victorias jedoch blieb hart. Sein Beauftragter ließ die polizeiliche Präsenz auf den Goldfeldern verstärken und ordnete häufigere Lizenzkontrollen an. Das führte dazu, dass die Miner die Verhandlungen als gescheitert ansahen, den Gehorsam gegen die staatlichen Autoritäten aufkündigten, sich bewaffneten und ihre Lizenzen verbrannten. Es wurden auch Stimmen laut, die auf Loslösung vom britischen Empire drängten.

 
Freiheitsschwur der Miner 1854 unter der Eureka-Flagge
Die originale Eureka-Flagge im Eureka-Museum

Die heutige australische Flagge in den Händen von zwei neu Eingebürgerten
Am 1. Dezember 1854 versammelten sich die Miner unter der „Eureka-Flagge“ (5 Sterne an einem Kreuz auf blauem Grund – ohne Union Jack!) und schworen „beim Kreuz des Südens (symbolisiert durch die 5 Sterne) wahrhaftig zusammen zustehen und zu kämpfen, um unsere Rechte und Freiheiten zu verteidigen“. Unter Führung des irischen Miners, Bürgerrechtlers und späterem Abgeordneten Peter Lalor baute man einen behelfsmäßigen Barrikadenring (Stokade) auf, um sich gegen Truppen und Polizeikräfte zu schützen. Am Sonntag, den 3. Dezember rückten 276 Soldaten der Britischen Armee und Polizisten unerwartet an und umzingelten ca. schlecht bewaffnete 120 Miner, die sich in der Stockade aufhielten. Ein 10-minütiger Kampf entbrannte, der von Seiten der Soldaten äußerst brutal geführt wurde. 22 Aufständige blieben tot zurück, 6 verwundet, doch weitere starben auf der Flucht oder in Verstecken. 6 Soldaten kamen um.


Die Eureka-Stockade
Noch im Dezember begann der Prozess gegen 13 Rädelsfüher am Obersten Gerichtshof von Viktoria in Melbourne, die wegen Hochverrats angeklagt wurden. Auf Grund des öffentlichen Drucks wurden sie frei gesprochen und der Gouverneur zum Einlenken bewegt. Die Forderungen der Ballarat Reform League wurden umgesetzt: die Gold-Lizenzen wurden abgeschafft und durch mildere Regelungen ersetzt, die Goldfelder erhielten Vertretungen in der Gesetz gebenden Versammlung und ein allgemeines Wahlrecht für weiße Männer bei den Parlamentswahlen wurde eingeführt..

Mark Twain schreibt: „Es war nur eine kleine Revolution, aber politisch von großer Bedeutung – ein Kampf und die Freiheit, eine Auflehnung gegen Willkürherrschaft und Bedrückung…Die neue Beispiel einer verlorenen Schlacht, durch die der Sieg gewonnen wurde, ist zugleich das schönste, ruhmreichste Blatt in der Geschichte Australiens…“

Wie auch beim „Kelly Outbreak“ ist das in Australien umstritten. Die einen sehen in der Eureka Stockade den Beginn der australischen Demokratie und Souveränität. Australien wandelt sich von einer Kolonie der Sträflinge und Grund besitzenden Siedler vorwiegend britischer Herkunft zu einem selbständigen Land gleichberechtigter Bürger unterschiedlicher Herkunft und Tätigkeiten – wobei man einschränkend sagen muss, dass sich die Gleichberechtigung auf die Weißen bezog.

Andere sehen in den Ereignissen nur einen begrenzten Aufstand gegen staatliche Gebühren, Autorität, und die Queen, ohne „democratic feeling“. Sie verweisen darauf, dass viele der Aufständischen gar nicht vorhatten, in Australien zu bleiben und wieder in ihr Heimatland zurückkehrten.

So hat man denn auch für beide Seiten Denkmäler auf dem Friedhof von Ballarat aufgerichtet: für die gefallenen Soldaten und ihre Opfer. Je nach politischem Standort findet man auch heute unterschiedliche Bewertungen bei Geschichtsforschern und Politikern.  Und so ist in die offizielle australische Flagge die Eureka Flag eingegangen, aber zusammen mit  dem „Union Jack“, der Flagge des britischen Empire.

Der Eureka-Aufstand wird übrigens allabendlich in einer aufwendigen „Licht-und Tonschau“ unter dem Titel “Blut unter dem Südlichen Kreuz“ in Sovereign Hill dargestellt. Da wir vom langen Umherlaufen und –schauen erschöpft waren, ließen wir uns dieses Spektakel entgehen. Ein „Interpretations-Zentrum“ wurde 1998 im Vorort Eureka gebaut, nahe dem Ort der Geschehnisse, und 2013 als „Museum der Australischen Demokratie in Eureka“ wieder eröffnet.

Bei der Rückkehr nach Melbourne tauchte vor uns der  „Eureka Tower“ in der Skyline auf. Jetzt verstehen wir, warum er im oberen Teil einen roten Streifen trägt. Er erinnert an das bei Ballarat vergossene Blut der Miner.