Edward „Ned“ Kelly
stammte aus einer Familie, in der es Tradition war, sich gegen die staatlichen
Autoritäten aufzulehnen. Der Sohn eines irischen Strafverbannten - wegen
„Schweinediebstahl“ nach „Van Diemen´s Land“/Tasmanien verbracht - wuchs unter
ärmlichen Verhältnissen in der Nähe von Melbourne auf.
Irische Immigranten – die in großer Zahl nach Australien
kamen - waren meist arm und standen
unter dem Verdacht konspirativer und krimineller Neigungen.
Als Schulkind rettete Ned unter Lebensgefahr einen Jungen vor dem Ertrinken und erhielt als
Belohnung von dessen Eltern eine Schärpe, die er noch bei der finalen
Gefangennahme unter seiner Rüstung trug. Sein Vater verstarb an den Folgen von
Alkoholmissbrauch und eines Gefängnisaufenthaltes mit Zwangsarbeit, den er
wegen Besitzes von Ochsenfleischs
zweifelhafter Herkunft erhalten hatte. Ned musste den Schulbesuch abbrechen.
Die kinderreiche und zunächst vaterlose Familie verzog in
die Gegend um Glenrowan (Victoria) am
Murray-River (heutiges „Kelly-Land“). Ned versuchte durch Viehdiebstähle
und Beteiligung an dubiosen Viehhandelsgeschäften zum Unterhalt seiner Familie
beizutragen. Bei seinen Diebstählen, die er auch als späterer „Outlaw“
fortführte, beschränkte sich auf das Vieh der reichen Grundbesitzer, der
„Squatters“, die die armen Siedler – zu denen die Familie Neds gehörte –
bedrängten. Dies begründete seinen Ruf als „Robin Hood des Outbacks“.
Der jugendliche Ned wurde mehrfach vor Gericht gestellt (wegen
Diebstahl, Raub und Tätlichkeiten), aber mangels Beweisen wieder freigelassen.
Zeitweilig soll er Gehilfe des Bushrangers Harry Power gewesen sein. Dieser war
in den Bush gegangen, weil er auf zwei betrunkene Polizisten geschossen hatte,
die ihn unrechtmäßigerweise festnehmen wollten und attackierten.
Mit 16 Jahren wurde Ned wegen „kriminellen Gebrauchs“ eines
angeblich von ihm gestohlenen Pferdes zu 3 Jahren Gefängnis mit Zwangsarbeit
verurteilt. Nach seiner Freilassung aus einem berüchtigten Melbourner Gefängnis
wurden die Mutter Neds und seine Schwester von einem betrunkenen örtlichen
Polizisten bedroht, der Neds Bruder Dan festnehmen wollte. Es kam zu einem
Handgemenge - wobei der Polizist niedergeschossen wurde - und in der Folge beschuldigte der Beamte den abwesenden Ned des versuchten
Mordes, worauf dieser in den Bush untertauchte. Mit seinem Bruder Dan und zwei
weiteren Freunden irischer Abstammung – sie hatten sich im Gefängnis kennen
gelernt - bildeten die jungen Outlaws
eine Gang. Sie waren gute Reiter und kannten sich im Bush vorzüglich aus. Unter
der armen Bevölkerung hatten sie Sympathisanten und Unterstützer.
Die Gang umstellte am Stringybark Creek das Camp von vier
Polizisten, die sie aufspüren sollten. Drei
- die sich nicht ergaben – wurden durch Ned und seine Komplizen erschossen,
angeblich in „Notwehr“. Einer entkam und meldete den Vorfall
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Fahndungsaufruf |
Kelly wurde von der Regierung in North South Wales und Victorias zum „Outlaw“ erklärt und eine hohe Belohnung auf seine Ergreifung, tot oder lebendig, ausgesetzt. Auf Grund eines Gesetzes war es jedermann möglich, als Outlaws erklärte Bushranger unverzüglich zu erschießen.
Die Kelly-Gang überfiel verschiedene Banken und nahm dabei Geiseln (die Ned, der sich stets als „Gentleman“ aufführte, gut behandelte und wieder freiließ). Das erbeutete Geld wurde unter der Familie und Freunden verteilt. Ned und seine Kumpane ließen sich schwere eiserne Rüstungen (mehr als 44 kg) aus Flugscharen herstellen, die sie vor Schüssen schützen sollten und in denen sie Furcht einflössend wirken wollten.
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"Rüstung" und Gewehr Kellys |
In einem langen öffentlichen Brief, dem „Jerilderie-Brief“, den Ned 1879 anlässlich eines Banküberfalls in Jerilderie diktiert hatte und der Presse übergeben wollte, verteidigt er seine Aktionen; er gibt kriminelle Taten zu, stellt seinen Werdegang aber als Folge polizeilicher Übergriffe und gerichtlicher Ungerechtigkeiten hin. Er beklagt sich über die Behandlung seiner Familie und der irischen Katholiken überhaupt durch die viktorianische und englische Polizei. Er behauptet, die Gesetze des Empire würden keine Gerechtigkeit kennen und erwägt die Möglichkeit eines Aufstandes. (Wie es heißt, soll Ned auch an die Ausrufung einer Republik in Viktoria gedacht haben.) Der Brief schließt mit Drohungen gegen die, die sich gegen die Gang stellen würden: „Ich bin der ausgestoßene Sohn einer Witwe und meine Anordnungen müssen befolgt werden.“
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Aus dem "Jilderie-Brief" Kellys: "Es würde sich für die Regierung bezahlt machen, wenn sie den unschuldig Leidenden Gerechtigkeit und Freiheit gewährte" Unten: Originalseiten des Briefes |
Der Brief wurde erst 1930 vollständig veröffentlicht. In der
Ausstellung in der State Library ist das Manuskript zu sehen. Das Dokument
verschafft einen bemerkenswerten Einblick in die Persönlichkeit Kellys, aber
auch in die damaligen sozialen
Verhältnisse der Landbevölkerungs Viktorias, die polizeiliche Korruption und die Versuche der
Führungsschicht durch „Law and Order“ Unruhen und Widersetzlichkeiten zu
unterdrücken.
Zur entscheidenden Auseinandersetzung mit der Staatsmacht kam
es 1880 in Glenrowan, nachdem eines der Gangmitglieder einen angeblich
verräterischen Farmer und ehemaligen Freund erschossen hatte. Dabei standen
Fahndungsbefehl und Prämie kurz vor dem Auslaufen und die Gang dachte wohl zunächst daran, ihren Privatkrieg gegen die staatlichen Autoritäten durch Verhandlungen
oder Auswanderung beizulegen.
Kurz vor dem „Shootout“ in Glenrowan besuchte Ned seine
Kusine Kate, die er liebte. Das hat "Abschiedscharakter" und deutet darauf hin, dass Ned den Kampf mit den "Ordungskräften" für unausweichlich hielt, wobei er mit der Möglichkeit seines Todes rechnete. Vielleicht hoffte er auch, damit eine "Revolution" der armen Bevölkerung gegen die Führung Victorias auszulösen. Über seine Motive zu der selbstmörderisch anmutenden Aktion in Glenrowan können jedoch nur Vermutungen angestellt werden. Jedenfalls ist das Unternehmen bewusst inszeniert worden und nicht zufällig oder erzwungen zustande gekommen. Die Gang hätte beim Anrücken der übermächtigen Gegenkräfte fliehen können...Es war wohl auch so, dass die Gruppe Unterstützer aus der Bevölkerung fand.
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Die "Glenrowan Inn", Ort des finalen Kampfes der Kelly-Gang (Bild: althistory.wikia.com). Archäologen haben in den Resten des abgebrannten Anwesens Spuren des Kampfes gefunden. |
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Das heutige Glenrowan (184 km nordöstlich von Melbourne) lebt von der Erinnerung an Ned Kelly (Bild: www.nedkellytouringroute.com.au) |
Die Gang zerstörte die Bahngleise nach Glenrowan, auf denen zwei Züge mit Polizeikräften und Truppen zur Ergreifung der Bande sowie Reporter herbeigebracht wurden. Ned und seine Freunde nahmen die Einwohner Glenrowans – die keinen Widerstand leisteten - als Geiseln und verschanzten sich in einem Hotel, in dem die 62 Gefangenen und die Gang mit Whisky und Tanz feierten. Inzwischen waren die Zugbesatzungen (durch Verrat einer frei gelassenen Geisel) gewarnt, die Gleise wiederhergestellt worden und die Züge am Bahnhof angekommen. Das Hotel wurde abends umstellt und eine wilde Schießerei begann, die ohne polizeiliche Erfolge endete. Die Bushranger schienen auf Grund ihrer Rüstungen unverwundbar. Am nächsten Tag trafen weitere Polizeikräfte und Truppen ein (mit einer Kanone!). Sukzessive wurden Geiseln entlassen. Ned Kelly war verwundet worden und hatte sich in den Bush zurückgezogen (um zu flüchten oder um Unterstützer wegzuschicken?). In den frühen Morgenstunden kehrte er zurück und griff von hinten Polizisten an, denen er in weißem Umhang und Rüstung wie ein Gespenst, Teufel oder „Bunyip“ (Sumpf-Ungeheuer der Aboriginal-Mythologie) erschien. Man feuerte ohne Erfolg auf ihn, bis ein Sergeant bemerkte, dass Füße und Arme ungeschützt waren. Kelly erhielt Einschüsse an Händen, Armen, Beinen und Leistengegend. So wurde er gefangen genommen und zur Bahnstation gebracht, wo er ärztlich versorgt wurde.
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Kelly in Aktion (Zeitgenössische Darstellung) |
Im weiteren Verlauf der Belagerung erhielt Gangmitglied Joe Byrne einen Schläfenschuss, während er an der Bar einen Trinkspruch auf die Kelly-Bande ausbrachte.
Am Nachmittag entschloss sich die Polizeiführung, das Hotel
in Brand zu setzen. Das war das Ende: Dan Kelly und sein Kumpan Steve Hart, die
bis zuletzt gefeuert hatten, erschossen sich wohl selbst und verbrannten.
Im Kreuzfeuer der
Polizei starben zwei Geiseln und es gab 5 Verwundete unter diesen und den
Polizeikräften.
Ned Kelly wurde in das „Old
Melbourne Gaol“, das „Alte Gefängnis“, überführt und vor Gericht
gestellt. Der ebenfalls irisch-stämmige Richter Barry verurteilte ihn in einer
kurzen Verhandlung zum Tode durch Erhängen. Den Spruch des Richters: „Möge Gott
deiner Seele gnädig sein“, beantwortete der Verurteilte mit: „Ich werde ein
wenig früher gehen und ich werde Sie dort wieder sehen, wenn ich gehe.“
Tatsächlich starb Barry kurze Zeit darauf an einer infizierten Beule am Nacken
(!). Die Mutter Neds, die im Gefängnis saß, ermahnte den Sohn: “Stirb wie ein
Kelly!“
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Das "Alte Gefängnis" in Melbourne |
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Kellypuppe, die im "Alten Gefängnis" verkauft wird |
Trotz kniefälligen
Flehens seiner Schwester Kate vor dem Gouverneur und einer Bittschrift mit ca. 30 000 Unterschriften, die von 200 Leuten
überbracht wurde, starb Edward Kelly am 11.11.1880 25-jährig am Galgen des Melbourne
Gaol. Heute ist das alte Gebäude mit seinem Galgen eine
Besichtigungsattraktion, in der Kelly ganz schön vermarktet wird. Seine letzten
Wort, die sprichwörtlich geworden sind, waren: „ Such is life“ – „So ist das
Leben“, und: „Ich vermute, es musste so kommen!“
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Galgen im "Alten Gefängnis" |
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Die "Totenmaske" Kellys |
Die ausgesetzte Kopfprämie von insgesamt 8000 Pfund wurde nach seiner
Hinrichtung unter diejenigen, die zu seiner Ergreifung beigetragen hatten,
Polizisten und Zivilisten, verteilt.
Die Diskussionen um den Tod Kellys führten zu Veränderungen
im Polizeiapparat und in der Gesetzgebung.
Seine Leiche wurde von Medizistudenten seziert - was illegal
war - und im Gefängnishof begraben. Der
Schädel, von dem eine Totenmaske abgenommen worden war, wurde für
phrenologische Studienzwecke verwendet und diente dann bei der Polizei eine
Zeitlang als Briefbeschwerer. Der Kopf ist heute verschollen.
Nach wechselvollem Verbleib und Schicksal wurden die Reste
Ned Kellys, die zuvor einer DNA-Identifizierung unterzogen worden waren, 2013
den zahlreichen Nachkommen der Familie übergeben. Die Knochen wurden gemäß dem
letzten Wunsch des Gehenkten in der Nähe des Grabes seiner Mutter auf dem
Friedhof in Greta begraben. In der St. Patricks Kirche im nahen Wangaratta,
Victoria, wurde eine Totenmesse zur Beisetzung des getauften Katholiken in
„geweihtem Boden“ gelesen – nicht
unumstritten in der Öffentlichkeit Australiens.
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Kellys Grab |
Die Diskussionen um den Verbleib der Reste zeigte, dass die unterschiedliche Bewertung der Gestalt Ned Kellys zwischen Anhängern von „Law and order“ und mehr liberal und sozial Denkenden auch heute noch vorhanden ist – wie zu seinem Lebzeiten und bei seiner Hinrichtung. Die Befürworter einer würdigen Bestattung werten ihn auch als historische Gestalt der Geschichte Australiens, die innerhalb ihrer Zeit zu sehen ist.
Ich habe mich gefragt, warum ein Krimineller und Mörder wie
Ned Kelly letztlich doch eine „Ikone“ Australiens
geworden ist.
Ich möchte seine kriminellen Taten nicht rechtfertigen, aber
offenbar hatte er einen Sinn für Gerechtigkeit, auch für die
Unterprivilegierten und Außenseiter. Dieser Sinn ist in der Geschichte
Australiens nicht immer zu finden. Das koloniale Erbe hat Opfer hinterlassen,
nicht nur unter den Aborigines.
Vielleicht hängt die Hochschätzung des „Outlaws“ auch mit
dem rebellischen und selbsthelferischen Geist der frühen Convicts (Gefangenen)
und Siedler zusammen, der in manchem Australier immer noch schlummert – unter
dem gängigen Konformismus und der üblichen Gesetzestreue.
Ned Kelly
repräsentiert eine „andere Seite“ Australiens. Nicht die der der „heroischen“
Siedler, der „gloriosen“ Entdecker, Forscher, Staatsmänner, der
„Lichtgestalten“ der offiziellen Geschichtsschreibung, sondern die der armen
Immigranten, der freigelassenen Strafdeportierten, die als kleine Farmer,
Bedienstete, „Digger“ ( Goldgräber), Viehtreiber, Arbeiter. Sie kämpften um´s
Überleben, hatten mindere Rechte und wussten sich manchmal nicht anders zu
helfen, als sich zusammen zu tun und zu Gewalt und Rebellion gegen das
„Establishment“ zu greifen. Lebensgeschichten, die nur selten ge- und
beschrieben wurden. Heute wendet man sich in Australien allerdings auch dieser
Seite der Geschichte des Kontinents zu. Ich konnte in Museen und Gedenk-Orten
viel darüber erfahren.
Eine gewisse Aktualität hat die Figur Ned Kellys auch deswegen wieder bekommen, weil Australien in der Frage der Zuwanderung von Flüchtlingen und ihrer Behandlung gespalten ist.
Eine gewisse Aktualität hat die Figur Ned Kellys auch deswegen wieder bekommen, weil Australien in der Frage der Zuwanderung von Flüchtlingen und ihrer Behandlung gespalten ist.
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Mauerskulptur in der Nähe des Melbourner Gefängnisses in Anspielung an Kellys Totenmaske |
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Kelly als Wandmalerei in La Trobe Street, Melbourne (Bild: Ha-Ha) |
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Plakat des Kelly-Films mit Mike Jagger in der Hauptrolle. Die "Kelly-Story" wurde seit 1906 mehrfach verfilmt. |
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