Wir wurden von unseren Melbourner Gastgebern gefragt, was
uns nun am besten in Melbourne gefallen hat. Die Frage ist nicht einfach zu
beantworten, weil es so vieles Sehens- und Erlebenswerte in und um Melbourne
gibt.
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Alter Lesesaal der Staatsbibliothek von Victoria |
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Arbeitsame Atmosphäre |
Ich habe mich gern in der
State Library of Victoria aufgehalten. Kommt man aus der lebhaften
Innenstadt und betritt die Lesesäle, dann empfängt einen wohltuende Stille.
Besonders prächtig ist der riesige alte Lesesaal mit der hohen Kuppel die von
Galerien umzogen ist. Das 1864 errichtete neoklassizistische Gebäude bezeugt
den Reichtum der Stadt in der Goldrushzeit und das Bestreben, auch kulturell
mit Europa mitzuhalten. Die Staatsbibliothek mit ihren Sammlungen und
Bücherbeständen wirkt wie ein Tempel der Bildung und Gelehrsamkeit.
"Bohemians" in Melbourne - eine Ausstellung
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Marcus Clark - ein australischer Schriftsteller und "Dandy" (1846-1881). Ich habe ihn schon im Zusammenhang mit der Sträflingskolonie Port Arthur als Autor des Romans "Lebenslänglich" erwähnt |
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Ein Besucher der Ausstellung "Bohemians" - selbst im australischen "Bohemian-Retro-Look" |
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Die Tänzerin und Malerin Vali Myers (*1930 Sidney + 1903 Melbourne), Freundin vieler australischer, europäischer und amerikanischer Schriftsteller und Künstler - mit heute wieder so modernen Tattoos auf der Hand - sie trug sie aber auch in Gesicht und an Füssen. Vali lebte ein unstetes Leben zwischen Paris, New York, Positano/Italien und Melbourne ("Wanderlust" - ein deutsches Wort, das in die englische Sprache eingegangen ist!), nahm Opium, war der Typ einer "Existentialistin" und eine Art "Früh-Punk und -Hippie".
Eines der extravaganten Bilder der Malerin (Titel: "Tarantata") - die Selbstdarstellung ist unverkennbar (Quelle: Pictify.com) |
Im Erdgeschoss habe ich die interessante Ausstellung über
die
„Bohemians“ Melbournes besucht. Wir kennen das Wort "Bohemian" als "Bohème". Die Ausstellung zeigt die künstlerische, alternative Szene Melbournes von 1860
bis heute, von „Dandys“ wie Marcus Clarke bis zu der Tänzerin Vali Myers und
dem Pop-Sänger Nick Cave, von Künstlervereinigungen
wie der impressionistischen „Heidelberger Schule“ (das „Heidelberg“
Melbournes!), der Künstlerkolonie Montsalvat, bis zu den australischen
Rock-Gruppen wie den BeeGees, den Hippies und heutigen „Hipsters“. Was für mich
überraschend war, sind die wechselseitigen Beziehungen zu Europa – kulturell,
in Hinsicht auf die geistigen Strömungen - bildete Melbourne offenbar nie eine
isolierte Welt. Und auf der Brunswick und Smith-Street in Fitzroy ist in
Wandmalereien und Aufmachung der jungen Leute der Alternativ-Stil zur populären
Bewegung geworden.
Wandmalereien in Fitzroy
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Malerei auf dem Balkon von Freunden (von einem spanischen Tatooisten geschaffen) |
Im zweiten Stockwerk der "Library" fand ich die Sammlung von Gemälden zur
Stadtentwicklung Melbournes aufschlussreich. Es wird einem vor Augen geführt,
aus wie sich die heutige Weltstadt aus einfachen Verhältnissen entwickelt hat.
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Melbourne - Collins Street 1839 ( State Library of Victoria) |
In den oberen Galerieumgängen gibt es einen Sammlung
„Spiegel der Welt - Bücher und Ideen“ mit Handschriften und Büchern vom Mittelalter bis
zur Gegenwart. Bei der Betrachtung der zum Teil seltenen und wertvollen
Ausstellungsstücke kann deutlich werden, wie literarische Produktion die Welt über Jahrhunderte hinweg
widerspiegelt und auch verändert hat. Was ist da alles an Erkenntnissen und
Wissen entwickelt und angehäuft worden! Und wie dürftig und kurzfristig ist
dagegen unsere heutige computerisierte Wissens-Er- und -vermittlung! Man kann sich zwar leicht über alles informieren, aber es wird wenig grundlegend Neues entwickelt.
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Arabisches Manuskript (Koran?) mit Aufbewahrungstaschen und Schreibzeug |
Eine weitere Ausstellung zeigt das „sich wandelnde Gesicht
Viktorias“ in den Zeiten. Hier war ich fasziniert von dem, was zu Ned Kelly gezeigt wird, unter anderem
seine Eisenrüstung und Totenmaske. Wir hatten aber auch schon einiges über ihn
im „Old Treasury Building“ gesehen. Edward Kelly (1854-1880) war ein
„Bushranger“, ein Räuber, der in Melbourne gehenkt wurde. Er ist ein
„Nationalheld“ geworden. Schriftsteller, Maler, Filmemacher haben sich mit ihm
beschäftigt. Jedes Kind in Australien kennt seine Geschichte. Und viele
Australier bewundern ihn – insgeheim oder offen. Immer wieder einmal stößt man
auf die sonderbare Figur des in eine klobige Eisenrüstung Gehüllten, mit
Sehschlitzen im topfförmigen Helm, als Gartenfigur, als Briefkasten…Erst
nachdem ich mich mit ihm beschäftigt hatte – siehe den nachfolgenden Artikel
über ihn - wurde mir klar, um welche Gestalt es sich da handelt.
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Der Bushranger Ned Kelly in seiner Rüstung und in Aktion - zeitgenössische Zeichnung |
Parks – Oasen der Ruhe
Sehr gern habe ich mich in einigen Parks aufgehalten.
Wunderschön war der Gang zur Innenstadt durch die 150 Jahre alten Fitzroy Gardens. Die Anlagen mit ihren riesigen Bäumen aus
Australien und verschiedenen Erdteilen, blühenden Büschen, Skulpturen, Brunnen und historischen
Gebäuden sind bezaubernd.
Natürlich haben wir auch in diesem Park das älteste in
Australien befindliche Haus besichtigt: Cook´s
Cottage. Nicht, dass das Häuschen, in dem der berühmte Weltumsegler und
Entdeckers James Cook (1728-1779) Knaben- und Jugendjahre verbrachte,
ursprünglich hier erbaut wurde und gestanden hätte. Nein, der Melbourner Unternehmer
Sir Wilfrid Russell Grimwade kaufte es 1933 in Great Ayton, England – dort
verblieb nur ein Monument - und ließ es 1934 in Melbourne wieder aufbauen, zur
100-Jahr-Feier der Besiedlung Melbournes durch Europäer. Das war passend, denn
Cook spielte eine große Rolle bei der Erforschung Australiens und der
In-Besitz-Name für die Briten.
1770 betraten die Männer des Segelschiffes „Endeavour“ als
erste Europäer an der „Botany-Bay“ in der Nähe des heutigen Sidney die Ostküste
„Neu-Hollands“ – wie der Kontinent nach seinen holländischen Entdeckern damals
genannt wurde. Er segelte an der Küste weiter nach Norden, nannte das Land „New
South Wales“ und nahm schließlich für die britische Krone die ganze Ostküste
Australiens in Besitz.
Die meisten Besucher von „Cook´s Cottage“ nehmen an, dass
der Seefahrer mit seiner Frau Elizabeth und seinen 6 Kindern in diesem
bescheidenen Häuschen mit seinen winzigen Zimmern und dem niedlichen Nutz- und Blumengarten
drum herum gelebt hat, zumindest in der kurzen Zeit, in der er nicht auf See
war. Das ist aber ein Irrtum, es handelt sich um das Elternhaus von James Cook.
Als Erwachsener hat der Captain wohl nur
noch nach seiner Australienreise das Elternhaus betreten, als er seinen Vater
besuchte. James Cook hat seine Frau 1762 in Barking am Rande Londons geheiratet.
Dort in ihrem Haus wartete Elizabeth Cook 1775 auf den von seiner zweiten Reise
heimkehrenden Mann, wie es Anna Enquist in ihrem Roman „Letzte Reise“
beschreibt.
Sehr schön waren auch der Spaziergang im
Royal Botanic Gardens. Schon die
Wanderung über die Princess Bridge durch die verschiedenen Parks am Südufer des
Yarrah-Flusses, am imposanten Shrine of Remembrance vorbei, der Erinnerungshalle
an die vielen Gefallenen der Kriege – allein im 1. Weltkrieg 114 000 - an denen
Australien beteiligt war, zum Botanischen Garten hin, lohnt sich.
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Ferdinand Heinrich Jacob von Mueller (*1825 Rostock + 1896 Melbourne), Botaniker |
Viele Pfade führen durch das ausgedehnte hügelige Gelände
mit seinen Baum- und Pflanzengruppe einheimischen und überseeischen Ursprungs,
einigen pittoresken Gebäuden und Wasserflächen. Rasenflächen laden zum
Verweilen ein, ein idealer Platz zum Relaxen - gepflegte Natur mit der Sicht auf
die Melbourne Skyline. Kein Wunder, dass der Park eine beliebte „Location“ für
Hochzeiten, Freilufttheater und Kinoaufführungen ist.
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Im Royal Botanic Garden |
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Separation Tree - Opfer von Anschlägen |
Wir stießen auch auf den „
Separation Tree“, ein River Red Gum Tree (eine Eukalyptus-Art). Er
soll 400 Jahre alt sein und schon den Aborigines als Versammlungsort gedient
haben. 1850 versammelten sich unter ihm Bürger, die die Loslösung Victorias von
New South Wales proklamierten (was dann ein Jahr später offiziell wurde). Der
Baum bietet einen traurigen Anblick. Dreimal wurde er seit 2010 attackiert,
d.h. Rindenringe mit einer Axt abgeschält. Trotz aller Pflegemaßnahmen hat er
das wohl nicht überlebt.
Man weiß nicht, wer dieses Attentat auf den historischen
Baum ausgeführt hat und aus welchen Motiven. Die Empörung in Melbourne war
groß, denn wer „mordet“ einen unschuldigen“ Baum? Aber der Baum war ein
politisches Symbol, und man empfand die Attacken dann auch als Angriff auf die
„Gemeinschaft“ der Bürger Melbournes und Victorias, d.h. auf das politische
System.
Solche Parks, wie sie in Melbourne angelegt wurden, sind eine Zierde der Stadt und dienen vielen
Menschen als Erholungsort. Aber sie haben einen geschichtlichen, ja politischen
Hintergrund, sie sind ein Zeugnis der europäischen Kolonisierung. Die
ursprünglich australische Landschaft des botanischen Gartens, in denen die
Eingeborenen fischten und jagten, wurde zu einem Park im englischen Stil
umgewandelt, eine Mischbepflanzung aus einheimischen und fremdländischer Flora
eingeführt. Einheimische Tiere wie die „Flying Foxes“ (die fliegenden Hunde) wurden
ausgesiedelt (2001), um den Pflanzenbestand und die „Annehmlichkeit“ („amenity“)
des Gartens zu schützen. Ist da der Hintergrund der Attentate zu suchen?
Der botanische Garten war übrigens schon einmal Schauplatz
eines weit schlimmeren Attentats. Im Januar 1924 schoss der 30jährige Weltkriegsveteran
Norman Alfred List mit einem Gewehr auf ahnungslose, im Park picknickende
Melbourner. Vier Menschen starben. Der Täter beging Selbstmord und niemand
weiß, was seine Motive waren.
Was uns etwas verwunderte, ist, dass wir noch einem zweiten „Baum
der Trennung“ begegnet sind, nämlich in den Gartenanlagen des
Abbotsford Convents, Sitz einer ehemaligen Frauenkongregation (dem
katholischen Orden des „Guten Schäfers“ - die Erziehungsmethoden dort hatten keinen guten Ruf). Hier hatte der „Vater der Trennung“,
der Parlamentarier Edward Curr, 1850 eine englische Eiche als Erinnerungsbaum an
die von ihm betriebene Trennung gepflanzt. Mit weit ausladenden Ästen steht der
Baum heute noch da – zum „australischen Monument“ erklärt. Na also, da hat man
(vorerst?) ja noch einen, wenn der andere gänzlich verschwinden sollte.
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Abbotsford Convent - Separation Tree (Quelle: www.goodsheperd.com.eu) |
Abbotsford Convent – am Rande Melbournes über dem Yarra River
gelegen - mit seinen weitläufigen historischen Gebäuden und dem kontemplativen
Garten war auch einer unserer Lieblingsorte. Heute ist der Komplex ein
Kulturzentrum, mit Cafés, Shops, Ausstellungräumen, Veranstaltungen. Wir haben
hier ein abendliches Pop-Konzert mit Melbourner Musikern erlebt, wir „elder
people“ unter jungen Leuten – wie sooft in Melbourne - es herrschte eine phantastische
Stimmung und die Musik zwischen Rock, Jazz und Electro riss auch uns hoch.
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Abbotsford Convent Hauptgebäude und kontemplativer Garten |
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Blühender Baum im Garten |
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Abbotsford Convent - Freizeit- und Kulturzentrum mit vielen Angeboten |
Übrigens gibt es auch noch einen „Ableger“ des Royal Botanic
Garden bei Cranbourne, 45 km von Melbourne entfernt. Dieser Park ist ganz den
Pflanzen Australiens gewidmet. Eingebettet in urwüchsiges Bushland bildet der
„Australien Garden“ den Mittelpunkt des Geländes. Der "Australian Garden" ist eine
moderne eindrucksvolle Anlage, die 2006 eröffnet wurde. Sie stellt Australien
mit seinen Klima- und Pflanzenzonen im Kleinen dar. Den Mittelpunkt bildet eine von rotem Sand gebildete kreisförmige
Fläche, von Wasserläufen umflossen, die
das „rote Herz“ Australien mit seinem Bewuchs abbildet. Darum herum sind
Abschnitte gelagert, die andere Pflanzenhabitate Australiens repräsentieren, z.B. ein Eukalyptus-Garten, ein Grasbaum-Ansammlung, Trockenflussbett-Garten usw.
Außerdem wird gezeigt, wie Hausgärten mit australischen Pflanzen angelegt
werden können.
Wir haben es aber vorgezogen, Tiere und Pflanzen in ihrer
natürlichen Umwelt in Australien aufzusuchen und zu beobachten.
Wir haben auch den
Zoo
in Melbourne besucht und fanden den Spaziergang durch die einzelnen
Park-Abschnitte, die die Habitate der Tiere nachbilden, schön. Löwen, Tiger,
Nilpferde und sonstige außeraustralische Tiere haben uns im Gegensatz zu den
australischen und asiatischen Besuchern nicht sehr interessiert, hingegen die
australische Tierwelt. Mit Befriedigung stellten wir fest, dass wir fast alle
schon in freier Wildbahn gesehen hatten, was doch ein ganz anderes Erlebnis
ist.
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Die Verwandschaft ist unverkennbar - oder? |
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Im Zoo von Melbourne - idyllische Plätze |
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Ostasiatischer Bereich |
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Kleiner australischer "Drachen" |
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Das Tierchen, ein Echse, ist - wie so vieles in Australien - giftig |
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Die giftigste Schlange der Welt - Coastal Taipan |
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Im Schmetterlinghaus |
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