Nicht weit von Melbourne, östlich, liegt das Mittelgebirge der Dandenongs, ein beliebtes Ausflugsziel der Melbourner. Nach einstündiger Fahrt tauchen die Berge des Nationalparks vor uns auf. Die schmale Straße schlängelt sich durch Eukalyptuswälder. Beneidenswert schön liegen verstreut Holz-Häuschen in idyllischer Lage. In Mount Dandenong Village machen wir in einem romantischen Waldcafé Halt und lassen uns mit köstlichen „Scones“ (runder Australien-typischer Kuchen, serviert mit Sahne und Marmelade) und Kaffee bewirten.
Wir fahren ein
Stückchen weiter. Unser Ziel ist das William
Ricketts Sanctuary. Bei der Fahrt durch die Mornington Halbinsel hatten wir
in den Seawind Gardens eine Skulpturenwand von William Rickett gesehen,
Eingeborenengestalten und -köpfe, die uns fasziniert hatten. Das bewegte uns,
die Stätte aufzusuchen, wo er gelebt hat und wo seine Hauptwerke zu sehen sind.
Wir passieren ein Information Centre und treten ein. Vor uns
wucherndes Grün, Moose, Farne, Farnbäume in der „unteren Etage“, darüber Eukalypten,
Regenwald. So muss der Wald hier ursprünglich ausgesehen haben, ehe die
Europäer kamen und die Bäume abschlugen oder auslichteten, begehrlich nach dem
kostbaren Timber-Holz.
Wir lesen das Motto, das über dem Garten steht:
„ Berg der Erinnerung. Wo wir uns mit Liebe erinnern an die göttliche Vision des Waldes – William Ricketts – Das Gebet des Berges, das Gebet des Forstes. Mein Gebet, alles ist ein Gebet“.
Immer wieder sind meist ovale Keramik-Tafeln angebracht, auf
denen die Bekenntnisse und Hinweise Ricketts stehen. Wir lesen sie in einem
Textheft nach.
Ein schmaler Pfad schlängelt sich durch die Wildnis, zwei bärtige Eingeborenen-Skulpturen, aus Felsen wachsend, säumen ihn und blicken dem Spaziergänger nach. Die Worte Ricketts zum Eingang:
„Gottes Liebe – pulsierend in einem Rhythmus, der sich durch alles Leben bewegt und schwingt. Um dein höchstes Selbst zu verstehen, musst du in diesem Rhythmus leben.“
Wenig weiter: Kinderköpfe mit gelockten Haaren wachsen aus dem Gestein, von großer Schönheit, typische Aboriginal-Züge. Solche Kinder haben wir in und um Alice Spring gesehen. Wir schreiten weiter – immer wieder diese bärtigen Gestalten, ernst und würdig blickend, die Kinder, verklärt lächelnd, ältere umarmen Jüngere, ein Possum sitzt auf einem Kinderkopf . Neue Skulpturen – integriert in die sie umgebenden Natur. Da - ein weißer lockiger Mann, lächelnd blickt er aus dem Felsen auf uns, ein Possum auf den Händen. Sein Unterleib ist der eines starken Känguruhs. Dort ein Dingo. Wieder der weiße Mann mit edlen Gesichtszügen, nackt, schützend legt er den Arm um die Köpfe zweier Aboriginal-Kinder. Eine Schutzmantel-Aura umgibt die Gestalten. Wir erkennen, in dem Weißen stellt Ricketts sich selber dar, ein narzistischer Zug ist unverkennbar.
Eine Holzhütte, kapellenartig. Im Eingang kauert ein
bärtiger Alter mit Stirnband. Ein Wächter? Ein Priester? Im Hintergrund eine
Art männlich-weibliche Büste an der Wand, Tiere in den Armen haltend (ist es
Ricketts selber?). Ricketts Worte:
„Leben ist Liebe. Du und Ich, wir sind Teil der Natur, Brüder der Vögel und Bäume…wir sind Teil der Schönheit der Welt, ihres Schöpfers und Gestalters…Jeder von uns transformiert die Göttliche Kraft, und wenn Liebe ihren Ausdruck findet in Skulpturen und Musik sind wir reich gesegnet, denn dadurch können wir Gott erreichen…Der einzige Weg Liebe für sich selbst zu erhalten, ist, sie im Überfluss an andere weiter zu geben…Der Mensch ist das Meisterstück der Natur, darum beanspruche dein Erbe, indem du ihr die Mitwirkung gibst, die du ihr schuldest.“
Über einer Gruppe von sich lagernden Menschen schwebt über Flammen, schützend, eine mehrfach geflügelte Gestalt. Der „Engel des Herrn“? Gott-Vater selbst? Immer neue Skulpturen entdecken wir auf den verschlungenen Wegen. Der Gang durch das „Sanctuary“ stellt wohl eine Art spiritueller Initiations- und Stufenweg dar. Man sollte ihn meditativ gehen. Nicht umsonst werden wir auf Skulpturen eines meditierenden Aboriginal-Alten im „Lotussitz“ treffen.
In der ersten Stufe geht es darum, sich „mit Liebe sich an alles, was geschaffen
wurde zu erinnern“ und „Reverence for life“, Achtung vor allem, was lebt, zu
gewinnen.
Hier ein alter Aborigine, der mit hochgehobenen Händen Kinderköpfe umfasst. Dort eine geflügelte Aboriginal-Gestalt den weißen Mann schützend. Eine Versammlung bärtiger Alter blickt aus einer grabsteinartigen Säule auf uns, ganz oben einer, der sie umfasst. Ein „Totempfahl“, die Geister der Ahnen.
Wir betreten eine Ausbuchtung durch ein ovales Tor: eine
Kreuzigungsszene öffnet sich im Hintergrund. Links ein gekreuzigter bärtiger
Aborigine, rechts der lockige Weiße, an den Kreuzbalken konzentrische Kreise,
uraltes Symbol der geheiligten Erde, des heiligen Platzes, der Wiedergeburt,
uns von Aboriginal-Malereien bekannt. Über ihnen ein abgemagerter Europäer,
finsterer Blick, Gewehr und Axt in der Hand, auf dem Kopf ein Bündel
Sprengstoffpatronen, unter ihm, zwischen den Kreuzen tot herabhängend, die
Tierwelt Australiens. Die Szene spricht für sich – „Das gekreuzigte Australien“
nennt der Künstler die Gruppe.
Rechts daneben steigt der Weiße aus Flammen empor, umgeben
von Tieren und Kinderköpfen. Wir finden eine Tafel, auch wieder von
Kinderköpfen umgeben: „Rebirth“ steht darauf – Wiedergeburt.
„Ich kehre zurück zum Ursprungin mir selbstin der Alchera („Traumzeit“, in der alles geschaffen wurde durch die heiligen Ahnen).Jenseits organisierter ReligionenJenseits aller menschlicher InstitutionenIn der ganzen Natur sind die Formen unterschiedlichUnd doch, obwohl verschieden in den FormenDie Essenz ist eineDas bist duTat Tuam Asi“.
Jetzt bestimmen Wiedergeburts-, Auferstehungsszenen den Weg.
Eine Aboriginal-Frau mit Stirnband und nackten Brüsten umfasst Kinder, das
Standbild gekrönt von einem geflügelten Kind – „Mutter Erde“.
Ein bärtiger, nackter Alter erhebt sich in einer
Lotusblütenschale. Wir lesen:
I Pervade – Ich gehe hindurchemotionslosdurch alle Formen der NaturDie unsterbliche Seelebewegt sich in Gemeinschaft mitder vergöttlichten Erde.
Wir kommen zum Grab des Künstlers und Gartenschöpfers - unter
einem Baum gelegen. Von Wurzel- und Farngeflecht umgeben, wird ein bemooster
Oberkörper und Kopf sichtbar. Eine Inschrift:
„Willam Ricketts1898 -1993.Hier liegt Williams Ascheunter dem Baum des LebensZurückgekehrt zu seiner Mutter Erdein diesem Wald der LiebeIn der Ruhe des GeistesFühle seine Liebe und GegenwartFür all dies hier umher“.
Darunter die Spirale – umgeben von den Worten PMARA KUTATA,
die „ewige von den Ahnen geschaffene Heimaterde“ in der Sprache der Aranda (Zentralaustralien).
In der Nähe ein weiteres Bild, das das Thema Kreuzigung und
Auferstehung aufnimmt: zwei einfache Steinkreuze, in der Mitte wächst in und
aus einem Baum eine menschliche Gestalt empor, die Tiere umfasst.
Wir haben sicher nicht alle Skulpturen gefunden. Aber was
wir gesehen haben, ist von bewegender Schönheit, vor allem die menschlichen
Figuren und Gesichter. Ich gebe zu, wir fanden die meist entwurzelten
Aborgines, denen wir in Zentralaustralien begegnet sind, nur selten schön, mit
Ausnahme der kleinen Kinder. Vielleicht ist Ricketts Wahrnehmung der Indigenen zu romantisch, zu idealisiert. Ricketts sah sie wohl mit anderen Augen als wir.
Er stellt sie in ihrem ursprünglichen Lebenszusammenhang dar und entdeckt so
die ihnen eigentümliche Schönheit – und lässt sie auch uns entdecken.
Die göttliche
Schöpfung und „Mutter Erde“
Zwei Skulpturengruppen auf dem weiteren Weg haben uns
besonders beeindruckt.
Bei unserem Besuch war die zentrale Figur verhüllt |
Hier ist sie zu sehen |
Ausschnitt: die Figur rechts |
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Michelangelo: Die Erschaffung Adams (Sixtinische Kapelle) |
Die Gestaltung ist gekrönt von einem kleinen puttenartigen Eingeborenenjungen, dessen Hände sich auf die Köpfe zweier weiterer Knaben legen, in deren Mitte sich ein „Thorny Devil“ befindet, eine kleine stachlige Echse der australischen Wüste, ein Totemtier der Eingeborenen. Ganz unter wieder die Worte: PMARA KUTATA
Das Ganze ein Bild, eine Feier der Schöpfung, ausgehend vom
„göttlichen Zentrum“, dessen Kraft alles Leben durchwaltet und bewegt. Dem Ur-Zentrum zur Seite, die menschengestaltigen „Ancestors“, die Ahnen (der
Aboriginal-Mythologie), die mit ihm schaffend die Erde gestalten.
Und noch einmal die "Earthly Mother". Hier eine Gestalt mit man-weiblichen, nicht typisch aboriginal ausgeprägten Gesichtstszügen und nackten Brüsten. Sie hält ihre vielen menschlichen Kinder liebevoll und schützend in den Armen. Unter ihr breitet sich die Erd-Natur flügelartig in bewegten Formen aus, Blätter und Arme strecken sich ihr entgegen.
In diesen beiden Werken finden wir alle Elemente der
Gestaltungen Ricketts: die bärtigen Aboriginal-Alten, Abbilder des Göttlichen,
die Frauen, die die „Mutter Erde“ repräsentieren, die Kinder, die neues Leben
symbolisieren, alle verbunden mit Natur-Umwelt und Lebewesen. Und in ihrer
Mitte der „neue weiße Mensch“ mit den Zügen Ricketts.
Wer war William Ricketts? In der einfachen Cottage, in der
er im Wald lebte, erfahren wir mehr über sein Leben und erleben ihn selbst in
einem Video.
William Ricketts – Leben und Werk
William Ricketts wurde 1998 in Richmond, heute zu Melbourne gehörig, geboren. Seit 1934 lebte er ständig in den Dandenongs und schuf seinen Skulpturenpark, an dem er bis zu seinem Tod 1993 arbeitete. Künstlerisch war er Autodidakt, er hat weder Töpferei – seine Skulpturen sind aus Keramik – noch Bildhauerei gelernt. In der noch vorhandenen Werkstatt im Sanctuary erhält man Einblick in seine handwerkliche Arbeitsweise.
Von 1939 bis 1960 machte er häufige Reisen nach
Zentralaustralien und lebte bei Aborigines-Stämmen um Alice Springs. Er
betrachtete sich als „Adoptivsohn“ einer dieser Stämme. 1970 ging er nach
Indien und lebte im Ashram Sri Aurobindos. Die Kultur der Aborigines, „die
Prinzipien“ Jesu und indisch-buddhistische Philosophie sind die bestimmenden
geistigen Elemente in seinem Werk. Künstlerisch ist er stark von viktorianischen
Jugendstilbildwerken inspiriert.
In seinem Sanctuary gestaltet er seine Vision einer Welt, in
der die Achtung vor dem Leben und die Brüderlichkeit mit allen Wesen wieder Beachtung
findet.
„In diesem ganzen Sanctuary gibt es nur ein Thema: der Ausdruck
der Achtung vor dem Leben in der Umwelt einer Neuen Welt.“
Diese Achtung vor der Erde und ihren Lebewesen sah er in der
traditionellen Lebensweise der Aborigines verkörpert. Er zitiert einen
„Aboriginal man“, Wandtjuk Marika:
„ Ich bin von der ErdeIch bin ein Sohn der ErdeIch bin die Bäume, die Flüsse, der FelsenIch bin verwandt mit den Geschöpfen der ErdeIch bin verwandt mit den Schöpfungen der ErdeDie Erde ist meine MutterDer weiße Mann ist auch von der ErdeAber er ist verrücktWozu würde ein Mann, der bei gesundem Verstand istSeine eigene Mutter vergewaltigen“.
So wie dieser Aborigine sieht Ricketts in der die Natur- und
Bodenschätze, Menschen und Lebewesen ausbeutenden Geschichte und Politik
Australiens eine Zerstörung der Lebensgrundlagen, ersehnt ein „Neues
Australien“.und einen „universalen Frieden“.
Europäische
Gartenkultur – „National Rhododendron Gardens“
Wir kehren zu dem Café zurück und spazieren durch den Wald
zu einem Wasserfall. Das ist nicht der Ur-Wald Ricketts, sondern ein lichter,
vielleicht „rekultivierter“ Forst. Die Eukalyptusbäume sind riesig. Wir kommen
uns unter ihnen ganz klein vor. Manche
bilden knorrige „Naturskulpturen“ aus, man kann Gesichter oder Gestalten in sie
hineinlesen. (Hat sich Ricketts auch davon inspirieren lassen?) Weiße Kakadus fliegen zwischen ihnen
kreischend umher, auf einem Ast sitzt ein Kookaburra und beäugt uns ruhig. Ein
kleiner Wildbach fließt durch eine Schlucht und bildet Kaskaden.
Über einen Waldweg fahren wir zu einer der vielen
öffentlichen Gartenanlagen der Dandenongs, die „National Rhododendron Gardens“. Ein riesiges, hügeliges
Parkgelände, mit Wasserläufen, Teichen und einer Vielzahl von Blüten-Pflanzen
und Bäumen. Die Rhododendren blühen noch nicht, dafür aber andere Blumen und
Büsche wie Azaleen. Das ist europäische Gartenkultur, Park- und Landschaftsgestaltung,
schön anzusehen und zu begehen, aber nicht ursprünglich. Die meisten Pflanzen
kommen aus „Übersee“; die Rhododendren stammen – wie der Name andeutet - aus
dem Mittelmeerraum und sind in englischen Landschaftsgärten verbreitet.
Natürlich gibt es australische Pflanzen und Bäume, z. B. eine „indigene“
Rhododendrenart. Sie haben ihren Platz in der „internationalen“ Gemeinschaft der
„Neusiedler“, und als „Community“ bekommen sie ihre eigenen „Reservate“. Alles
schön geordnet, „kultiviert“, mit Aussparung für „Wildflächen“. Europäische
„Kolonisierung“, europäischer Geist!
Den Unterschied zum traditionellen Verständnis des Landes bei
der indigenen Bevölkerung beschreibt T.G. „Ted“ Strehlow (1908 – 1978), ein Anthropologe, der in der Missionsstation
Hermannsburg bei Alice Springs aufgewachsen ist. (Wir waren dort.) Er hat
Sprache und Kultur der dortigen Aranda erforscht und dokumentiert. In seinem
Buch „Songs of Central Australia“ schreibt er – William Ricketts zitiert dies:
„Berge und Bäche, Quellen und Wasserlöcher sind für ihn (den Aboriginal) nicht nur interessante oder schöne malerische Attraktionen, an denen seine Augen ein vorübergehendes Entzücken finden; sie sind für ihn das Werk der (mythischen) Vorfahren, von denen er selbst abstammt. Die ganze ihn umgebenden Landschaft erinnert ihn an die alten Geschichten des Lebens und der Taten der unsterblichen Wesen, die er verehrt…Die ganze Landschaft ist sein lebender uralter Familienstammbaum…“
Sei´s wie es wolle, wir genießen den Spaziergang mit vielen
anderen, in der Mehrzahl wieder Asiaten. Schließlich finden wir einen romantischen Pavillon, den
wir kurzerhand besetzen. Wir packen unser Picknick aus und lassen es uns
schmecken.
Auf dem Rückweg haben wir ein besonderes Erlebnis. In einem
sehr ursprünglichen Buschbestand sehen wir einen Lyre Bird auf dem Boden scharren
und dahinhuschen. Die hühnergroßen Leierschwänze zeichnen sich dadurch aus,
dass die Männchen bei der Balz vor dem Weibchen einen Tanz aufführen, mit über
dem Kopf fächerartig ausgebreitetem Schwanz. Dazu singen sie laut und sehr
variabel, sie können dabei alle möglichen Vogelgesänge und Geräusche nachahmen.
Der, den wir sahen, tanzte und sang nicht, aber wir waren glücklich, den
scheuen und seltenen Vogel zu sehen, zumal er das „Totemtier“ William Ricketts
war.
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Lyre Bird - Thomas Davies 1800 |
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