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Groß-Melbourne ( wiki - Autor: Diliff) |
Melbourne umfassend zu beschreiben, ist ein unmögliches
Unterfangen. Die meisten Besucher beschränken sich beim Besuch auf einige
Stadteile und herausragende Sehenswürdigkeiten. Doch Melbourne besteht nicht
nur aus dem CBD, dem nahezu rechteckigen Central Business District nördlich des
Yarra River, in dem sich einkaufende, arbeitende Melbournians und Touris aus
aller Welt drängen. Die Melbourne-Region umfasst die gewaltige Fläche von fast
10 000 km² und hat 4,25 Millionen Einwohner, übertrifft also Berlin an Fläche
und Einwohnerzahl bei weitem. Die Riesenstadt erstreckt sich nördlich des
Yarra-Rivers bis weit ins sehr australisch wirkende ländliche Umland, östlich
bis in die liebliche Hügellandschaft des Yarrah-Valleys und die waldreiche
Berge der Dandenong Ranges, südlich zieht sie sich um die Port Phillip Bay bis
zur Mornington Halbinsel
Melbourne – ein Konglomerat
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Blick von Fitzroy zur Innenstadt |
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Rathaus von Fitzroy |
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Chinatown |
Bei unserem fast zweimonatigem Aufenthalt haben wir bald
gelernt, dass die Metropole des Bundesstaates Viktoria aus verschiedensten Stadtteilen
mit sehr unterschiedlichem Charakter besteht. Ursprünglich waren es meist
selbständige Gemeinden – sichtbar an bombastischen viktorianischen Rathäusern –
die manches an ihrer Eigenart bewahrt
haben und die alteingesessenen Anwohner haben durchaus ein
Zusammengehörigkeitsgefühl. Alle diese Suburbs haben ihre eigenen Zentren, in
dem sich Geschäfte, Restaurants, kulturelle und behördliche Einrichtungen
drängen. Auch die Bevölkerung kann dann in ethnischer und sozialer Hinsicht
sehr verschieden sein. So gibt es Straßenzüge – wie die Lygon Street - in dem
vor allem Italiener wohnen und sich ein italienisches Restaurant an das andere reiht; an der Esplanada Espana,
in der Johnston Street, kann man Tapas, Tango oder Flamenco genießen; in der
Lonsdale Street und in Richmond lebt die drittgrößte griechische Gemeinde der
Welt; in einem Straßenzug – wir wissen nicht mehr wo - haben wir fast nur
Vietnamesen angetroffen und vietnamesische Restaurants gefunden. Chinesen sind
allgegenwärtig, als Geschäftsleute, im Servicebetrieb, als Touristen, sie leben
nicht nur in Melbournes Chinatown – wo man sich nach China versetzt fühlt -
sondern auch in anderen Vierteln. Ein
Abbild dieser Vielfalt ist der riesige Haupt-Friedhof Melbournes in North Carlton (43 Hektar); eine
Totenstadt, in der die Verstorbenen seit 1853
nicht nur getrennt nach Konfessionen bestattet sind, sondern oft auch
entsprechend ihrer ethnischen, oder sozialen Zugehörigkeit zusammen bleiben, so
Iren, Schotten, Italiener, Juden, Chinesen… oder als prominente und wohlhabende
Glieder der Melbourner Gesellschaft.
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Blick auf den Haupt-Friedhof Melbournes |
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Jüdisches Grab |
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Chinesisches Grab |
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Grab eines Iren |
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Italienisches Grab |
Die Namen der über 100 Vororte Groß-Melbournes enthalten
übrigens wichtige Hinweise auf die Geschichte Melbournes. Die Bezeichnungen
erinnern an die Rolle der englischen Besiedlung, an historische, oft politische
Persönlichkeiten, stammen von frühen Siedlern oder wurden von den Aborigines
übernommen. Yarra (River) z. B. bedeutet in der Eingeborenen Sprache "fliessendes Wasser". Bundoora, Ziel einer Straßenbahnlinie, geht auf ein Aboriginal-Wort zurück, das "Fläche,
wo Känguruhs leben" bedeutet. Den uns heimatlich berührende Vorort „Heidelberg“ führt man
auf den Landagenten Continental Brown zurück, der (deutsche?) Käufer für das
Land anlockte, in dem er die angebliche Ähnlichkeit mit der Heidelberger
Landschaft in Deutschland pries. Die ältesten Vororte Collingwood und Fitzroy,
ursprünglich als „Neustadt“ bezeichnet, haben ihren Namen von dem „Collingwood
Hotel“, das wiederum nach dem englischen Admiral Collingwood benannt wurde und
dem Gouverneur von South New Wales, Sir Charles FitzRoy. Der uns auch
heimatlich anmutende Vorort Brunswick mag auf eine Namensgebung der
Landgutbesitzer Wilkinson und Parker zurückgehen, die die Siedlung nach der
Prinzessin Caroline von Braunschweig, der Gatten König George IV. benannten,
könnte aber auch auf Captain Brunswick
Smyth zurückgehen, der 1839 die berittene Militär- und Polizeigarde in Port
Phillip anführte.
Ein Blick auf die Geschichte – Besiedlung und Goldrausch
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Vor den Weißen - Eingeborene am Meer, unter ihnen der im jugendlichen Alter entflohene Convict William Buckley (rechts), der mit den Wadawurrung 32 Jahre zusammenlebte
(gemalt 2012 von einer Aboriginal, Marlene Gilson, Bild hängt im Melbourne Museum) |
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Marlene Gilson (2014): William Buckley trifft auf John Batmans Siedlergesellschaft 1835. hinter ihm, auch im grauen Gewand, wohl seine Aboriginal-Frau |
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Das Ereignis aus weißer Sicht / F.W. Woodhouse (1861): Die ersten Siedler entdecken William Buckley. den "wilden weißen Mann", der sich kaum mehr an seine englische Muttersprache erinnern konnte, wieder ins europäisch-australische Leben eingliederte, begnadigt wurde, und als Dolmetscher zwischen Europäern und Aborigines fungierte |
Die Besiedlung Melbournes nahm 1835 ihren Anfang als ein
gewisser John Batman aus Tasmanien mit einer Gruppe von Landsuchenden an der
Port Phillip Bay nach Siedlungsmöglichkeiten Ausschau hielt. (Batman, ein Farmer, in australischen Geschichtsbüchern oft als wagemutiger Gründer Melbournes und "humaner" Partner der Eingeborenen dargestellt, hatte sich in Tasmanien im "Black War" - siehe Post: Museum Hobart/Trukanini - gegen die Aborigines als Eingeborenen-Killer hervorgetan.) Er „kaufte“ für
minderwertige Tauschgegenstände „vertraglich“ 250 000 Hektar Land von den
Aeltesten der örtlichen Aborigines. Es existiert ein schriftlicher Vertrag - aber die Eingeborenen, fassten die Gaben wohl als "Gastgeschenke" für einen zeitweiligen Aufenthalt in ihrem Gebiet auf, entsprechend ihren Gepflogenheiten. Drei Monate später folgte
auf der „Enterprize“ eine andere tasmanische Siedlergruppe unter einem
J.P. Fawkner. So entstand die erste dauerhafte Ansiedlung von Schaffarmern,
hier einmal keine ehemaligen Strafgefangenen. Der „Landerwerb“, der zur
Vertreibung der Eingeborenen führte, die das Land seit Jahrtausenden inne hatten,
wurde von der Regierung in New South Wales für illegal, die Siedler als „unbefugt
Siedelnde“ erklärt. Aber nicht aus Sympathie für die Eingeborenen, sondern weil
der Tausch der Theorie des „Terra nullius“ widerspricht (das Land Australiens
gehört niemanden, kann also für die Krone Englands in Besitz genommen werden).
Das Land hätte nur von der britischen Krone in Besitz genommen und verkauft werden dürfen - nach Auffassung der Kolonialverwaltung. Doch innerhalb von zwei Jahren waren 350 Siedler und 55 000 Schafe angelandet
und eine große Wollproduktion in Gang gekommen. Gouverneur Richard Bourke sah
sich genötigt, die wachsende Ansiedlung zu akzeptieren. Die neue Stadt wurde
nach dem Premier-Minister Englands, Richard Lamb, bekannt als Lord Melbourne,
benannt.
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Die Unterzeichnung des Batman-Vertrags ("Treaty") im Rückblick, Zeichnung von C. Ashton 1880 |
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Melbourne (Port Phillip) 1841 (John Adamson, State Library of Victoria) |
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Tafel im City Museum des Treasury Buildungs |
Der in den 50ziger Jahren folgende „Goldrush“ (wörtlich:
„Gold-Hatz“) – ausgelöst durch reiche Goldfunde in der weiteren Umgebung
Melbournes – machte die Stadt zur „Boomtown“ und brachte Massen an Immigranten aus
Übersee ins Land. Die Einwohnerzahl Melbournes und Victorias wuchs sprunghaft
an und die gesellschaftliche Situation veränderte sich. Schon damals entstand
eine „multikulturelle“ Gesellschaft, wenn auch einzelne Teile, wie die Chinesen,
unwillkommen waren.
Die Einwohner
Melbournes und seine Regierung wurden durch den auf Grund der Goldfunde
ausgelösten Handel, die damit verbundenen Geschäfte und Abgaben wohlhabend und
konnten sich einen prächtigen und modernen Ausbau der Stadt leisten. Nach wie
vor war aber der Wollhandel und –export ein wichtiger Wirtschaftszweig, der
ebenfalls Reichtum begründete. Die Industrialisierung und der Bauboom in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ein Arbeitskräftemangel bescherte
Handwerkern und Arbeitern ein gutes Einkommen, sodass sie sich in den Vororten
akzeptable Wohnbedingungen schaffen konnten.
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Melbourne 1906 (Laurence William Wilson, State Library Victoria) |
Für sie baute man nicht wie in den beengten Städten Europas
Mietsilos, nach oben, sondern in der Fläche. So entstanden die vielen, für
Melbourne typischen „Cottages“ im viktorianischen Stil, kleine ein- oder
zweistöckige nach hinten gestreckte Reihen-Häuschen mit überdachter und
eingezäunter Vorderterrasse („Terrace-Houses“), langem schmalem Eingangsflur,
daneben und dahinter liegenden Zimmern bescheidenen Ausmaßes, aber großer Höhe,
und einem hinter dem Haus liegenden kleinen Garten. Alle sind nach demselben
Muster gebaut, mit den gleichen Stuckverzierungen innen und außen versehen und
mit gusseisernen Gittern und Ornamenten geschmückt, die als Beiladung mit den
Immigrantenschiffen aus England kamen. Ursprünglich von Arbeitern, Handwerkern
und kleinen Angestellten erworben, sind sie heute gesuchte und teure Objekte
für gut verdienende Melbournians der Mittelschicht. Beispielsweise wurde das
Nachbarhäuschen zu dem, in dem unsere Tochter Anna-Lena in Fitzroy wohnt, für
über eine Million Dollar verkauft. Die Besitzer wiederum vermieten dann oft (zu
recht hohen Mietpreisen) an besser verdienende junge Leute, für die es schick
ist, in solchen Häuschen zu wohnen. So
wurden ehemalige Arbeiterviertel wie Fitzroy, Collingwood oder Carlton, die zu Slums
herabgesunken waren, zu heute angesagten Wohnplätzen. Die Fabriken dort, die
längst aufgegeben sind, baute man zu komfortablen Apartments aus.
Sozialer Wandel in Bildern
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Terrace Houses in Fitzroy - heute |
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Terrasse vor einem Häuschen |
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Blick ins Innere |
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Garten hinter dem Häuschen |
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Terrace House Strasse in Carlton früher (Anfang des 20. Jahrhunderts? - Quelle - auch der nachfolgenden Bilder: Digitale Bildersammlung State Library Victoria) |
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Oeffentliches Waschhaus in Collingwood |
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Blick in die Küche eines Hauses in Collingwood |
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Frau im Garten eines Häuschens |
Die Geschichte der Einwanderungen und die Einwanderungspolitik Australiens wird im
Immigration Museum in der Flinders
Street dargestellt.
Über die Goldrauschzeit und überhaupt über die Frühzeit
Melbournes informiert mit viel
Dokumenten und multi-medialer Aufbereitung das
Old Treasury Building in der Spring Street. Das Gebäude, 1858-62 in
Anlehnung an italienische Palazzi im
Renaissance-Stil errichtet, ist mit seiner Außengestaltung und Inneneinrichtung
selber ein Zeugnis des Reichtums der
Stadt. In seinen Gewölben wurden die angehäuften Staats-Schatze verwahrt und
verwaltet. In den Goldrausch-Zeiten sollen 2 Tonnen Gold wöchentlich
eingetroffen sein. Hier wird auch eine Nachbildung des zweitgrößten Nuggets
gezeigt, der je gefunden wurde: der „Welcome Nugget“. Man fand ihn 1858 in
einer Mine in Ballarat, er wog 69 kg und hatte einen Umfang von 49 cm. Für eine
riesige Summe von der Minen-Gesellschaft verkauft, wurde er wahrscheinlich
zunächst hier im Treasury House
aufbewahrt und schließlich in London zu Goldmünzen verarbeitet.
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Old Treasury Building |
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"Welcome Nugget" |
Hier in diesem zuerst fertiggestellten repräsentativen
Staatsgebäude Melbournes residierte auch „His Excellency, the Governor of Victoria“ und hielt seine wöchentlichen Regierungs-
Besprechungen ab. Dagmar ließ es sich nicht nehmen, auf seinem Amtssessel
niederzulassen.
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Governor Dagmar |
Von 1901 bis 1927 war Melbourne die Interims-Hauptstadt
Australiens, bis Canberra errichtet war. Die Abgeordneten des Commenwealth of Australia tagten in dem
gewaltigen Parliament House mit seinen vorgelagerten
Kolonaden in der Spring Street (1855 wurde der Bau begonnen). Die Abgeordneten
Viktorias zogen in das riesige, im Stile einer klassizistischen italienischen
Kathedrale mit Kuppel und großer Halle errichtete „Royal Exhibition Buildung“ in den Carlton Gardens ( Aussstellungsgebäude,
1880 für internationale Ausstellungen fertig gestellt).
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Parliament |
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Royal Exhibition Building |
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